Bericht: »Time to Listen« 2025

percussion instruments
©Stephanie Kulisch

Einleitung

Mit der vierten Ausgabe der Konferenz Time to Listen setzte die Akademie der Künste und die inm – field notes die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit in der zeitgenössischen Musik fort und legten dabei einen besonderen Schwerpunkt auf Formen der transnationalen Zusammenarbeit und Netzwerke.

Ein wesentlicher Impuls, dieses Thema in den Fokus zu rücken, ging von einem Treffen aus, das unsere Kooperationspartnerinnen Lydia Rilling (Donaueschinger Musiktage) und Sophie Aumüller (Impuls Neue Musik) 2024 in Donaueschingen initiierten. Dort sollte ein Netzwerk entwickelt werden, das vielfältige Kooperationen auf Produktionsebene ermöglicht und dies nicht nur zwischen großen Institutionen, sondern auch freien Akteur:innen offensteht. Gleichzeitig waren wir mit vielen Festivals und Musiker:innen aus den Nordischen Ländern im engen Austausch, wo wir ähnliche Bestrebungen beobachten konnten: Die Entwicklung neuer Formen von transnationalen Partnerschaften und Koproduktionsnetzwerke zwischen Festivals, Komponist:innen und Ensembles; Initiativen, bei denen ganze Regionen durch grenzüberschreitende künstlerische Netzwerke zusammenwachsen oder vielversprechende digitale Ansätze zur Vereinfachung von Künstler:innenmobilität.

Diese parallelen Entwicklungen in unterschiedlichen Teilen Europas bestätigten uns in der Relevanz des Themas: Transnationale Netzwerke verbinden ethische, politische und produktive Aspekte und knüpfen unmittelbar an unser Kernthema Nachhaltigkeit an. Denn es geht um kollaborative, kollektive und gemeinwohlorientierte Ansätze und darum, wie wir einander gegenseitig stärken können, wie wir durch neue Formen der Zusammenarbeit Ressourcen teilen können oder welche nachhaltigen Mobilitätskonzepte realisierbar sind.

Uns war bewusst, dass es bereits eine Vielzahl von Netzwerken gibt, die tagein tagaus wertvolle Arbeit leisten und von denen wir viel lernen können. Es war uns daher ein wichtiges Anliegen, diese Arbeit in die Konferenz einzubeziehen. Zugleich wollten wir sicherstellen, dass beim Aufbau von neuen Netzwerken nicht nur die großen Festivals und Institutionen am Tisch sitzen, sondern ebenso die zahlreichen freie Akteur:innen – aus kulturellen Ballungsräumen wie aus ländlichen Regionen, aus den sogenannten »Zentren« und »Peripherien« Europas.

Ausgangspunkt unserer Konferenzen ist seit Beginn derselbe: Der Wunsch, einen offenen Denkraum zu schaffen, in dem Debatten, Wissenstransfer und gemeinsames Lernen für alle Akteur:innen der zeitgenössischen Musik jenseits von Hierarchien möglich werden – für Komponist:innen und Musiker:innen ebenso wie für Wissenschaftler:innen, Kurator:innen und andere interessierte Besucher:innen. Das Format des Open Spaces, in dem die Agenda und die Fragestellungen kollektiv vor Ort entwickelt werden, schien uns für diese großen Zeitfragen, die ein hohes Maß an Transformationsbereitschaft erfordern ein günstiges zu sein, das auch anerkennt, dass bereits viel Wissen in der Szene der neuen Musik individuell vorhanden ist.

Die große Resonanz auf unseren Open Call hat gezeigt, wie sehr das Thema die Szene beschäftigt. Der künstlerische Beirat aus unseren Kooperationspartnern Lydia Rilling (Donaueschinger Musiktage) und Sophie Aumüller (Impuls neue Musik), Tuuli Lindeberg (Northern Connection, Musica nova Helsinki) und Tania Rubio (Acoustic Ecology Lab) stand vor der schwierigen Aufgabe, aus einer Fülle hervorragender Vorschläge jene Beiträge herauszusuchen, die das breite Spektrum an Themen innerhalb des Konferenzschwerpunktes abbilden. Bei den ausgewählten Projekten handelt es sich teilweise um Netzwerkpräsentationen, teilweise um künstlerische Netzwerkprojekte, die kollektive Verfahren offenbaren. Es wurde aber nicht nur diskutiert, in einem Konzert und einer Performance wurden die mit dem Thema verbundenen Qualitäten auch klanglich ausgedrückt.

Die Konferenz hat uns gezeigt, dass transnationale Netzwerke weit mehr sind als ein organisatorisches Instrument: Sie sind Ausdruck einer künstlerischen und gesellschaftlichen Haltung und eröffnen Möglichkeiten für Solidarität, geteilte Verantwortung und nachhaltige Praxis. Gleichzeitig wurde deutlich, dass wir in einer Zeit leben, in der Wertekonflikte und divergierende politische Positionen das Zusammenkommen erschweren. Diese Spannungen wurden bisweilen bei der Konferenz spürbar und wirken sich nicht zuletzt auf den Dialog zwischen freien Akteur:innen und Institutionen aus.

Gerade vor diesem Hintergrund kommt der Konferenz als Forum des Austauschs, der Aushandlung und des gegenseitigen Verständnisses eine besondere Bedeutung zu und wir sind gespannt darauf, die Diskussionen in 2026 mit gleich zwei Ausgaben fortzusetzen:

Time to Listen (26.–27. Juni 2026) lädt dazu ein, die Idee des Zuhörens und des Musizierens auf mehr-als-menschliche Akteure auszuweiten: Tiere, Pflanzen, Flüsse, Ökosysteme und Technologien werden als klangliche Partner verstanden. In Vorträgen, Diskussionen und Performances erkunden wir Wege, das Hören und Musizieren vom Anthropozentrismus zu lösen und in eine ökologisch und klanglich vernetzte Welt zu überführen. Die Konferenz ist Teil von SPREEKLÄNGE, einem Festival für zeitgenössische Musik entlang der Spree (25.–28. Juni 2026), und entsteht in Zusammenarbeit mit der Komponistin und Wissenschaftlerin Liza Lim, die an der Universität Sydney das Forschungsprojekt »Multispecies Creativity and Climate Communication« leitet.

Am 5. Oktober 2026 folgt eine zweite Ausgabe von Time to Listen, die den Faden der Konferenz zu transnationalen Netzwerken und Kooperationen fortspinnt. Der Fokus richtet sich dieses Mal auf Freie Ensembles: auf ihre zentrale Rolle in der zeitgenössischen Musikproduktion, ihre Mittlerposition zwischen Komponist*innen und Festivals, ihre oftmals nicht formalisierten, aber tragfähigen Netzwerke sowie die Bedingungen, die ihre Arbeit und Kooperationen prägen.Die Konferenz entsteht in Zusammenarbeit mit dem Musikfonds e.V., der damit den Abschluss des FEB-4 Förderprogramms für freie Ensembles und Bands begeht, und Impuls neue Musik.

Bis zum nächsten Mal
Lisa Benjes und Julia Gerlach

TAG 1

 

Warm-up: offenes Netzwerkforum

Zum Beginn der Konferenz aktivieren Fanny (Executive Director of Music Biennale Zagreb) und Peter Brownell (Coach) die Teilnehmenden von »Time to Listen« 2025. Was ist ein Netzwerk, welche Rolle spiele ich in Netzwerken, was bedeutet Macht, wo liegen die Grenzen des Machbaren? Der Austausch kann beginnen. Nach der bewusst kurz gehaltenen Vorstellung aller teilnehmenden Netzwerke starten die Workshops, Diskussionen, Open Sessions und Panels.

Beteiligte Netzwerke:

  • Acoustic Ecology Lab (Tania Rubio)
  • Baltic Contemporary Music Network (Mykolas Natalevičius, Rolands Kronlaks, Mantautas Krukauskas)
  • EM Guide (Roberto Beseler Maxwell, Gabriella Gál, Verena Hahn)
  • Europäische Allianz der Akademien (Iris ter Schiphorst)
  • Futurs Composés (Grégoire Lorieux)
  • Heroines of Sound (Bettina Wackernagel)
  • International Association of Music Information Centres (Doris Weberberger)
  • Konstmusiksystrar (Anna Jakobsson)
  • Nexus Netzwerk / Frequenz Festival Kiel (Sherif El Razzaz)
  • Northern Connection (Tuuli Lindeberg, Musica nova Helsinki)
  • SHAPE+ (CTM)
  • Sounds Now (Heloisa Amaral, Ultima Festival)
  • Sound SIG Group (Salomé Voegelin und Anthea Caddy)
  • Tone List / Audible Edge Festival (Josten Myburgh)
  • Toolkit of Care, ein European COST Forschungsnetzwerk (Magda Mayas)
  • ULYSSES Network (Heloisa Amaral, Ultima Festival)
  • Unrelated Narrations
discussion question
© Stefanie Kulisch

EM GUIDE – Ein Netzwerk unabhängiger Musikmagazine | Präsentation und Diskussion

Gabriella Gál, Verena Hahn, Roberto Beseler Maxwell

Was braucht die Szene der zeitgenössischen Musik? Reportierende und dokumentierende Aufmerksamkeit. Das ist die klassische Aufgabe des Musikjournalismus, doch der steckt in der Krise: Es fehlt an allem. Rückläufige Anzeigen, steigende Druckkosten, geringe Bereitschaft der Leser:innenschaft, Online-Angebote finanziell zu unterstützen, Konkurrenz gegen das Bewegtbild: Der unabhängige Musikjournalismus läuft Gefahr, nicht nur in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, sondern vollständig zu verschwinden. EM GUIDE zeigt, wie in der Nische Kräfte gebündelt werden können und transnational zusammengearbeitet wird. Denn so international der Musikjournalismus auch scheinen mag: Das Lokale macht den Unterschied. Und was lokal Wirkung hat, ist auch über die Landesgrenzen hinaus relevant. Im Netzwerk EM GUIDE arbeiten aktuell sechs europäische Magazine zusammen, tauschen Artikel aus, kümmern sich um Übersetzungen, organisieren gemeinsame Events. Das Ziel: die europäische Musikszene in ihrem Facettenreichtum bestmöglich abzubilden.

Drei der Initiator:innen, Gabriella Gál (Kulturmanagerin, Budapest), Verena Hahn (On Cologne) und Roberto Beseler Maxwell (Gesellschaft für neue Musik Ruhr), stellten die Herausforderungen und Chancen vor. Die wichtigsten Erkenntnisse der ersten Projektphase:

  • Transnationale Zusammenarbeit eröffnet neue Chancen
  • Reichweite einzelner Medien darf kein Anzeichen für Relevanz sein
  • Zusammenarbeit muss punktuell gesteuert werden
  • Lokalisierung von Texten kann nicht 1:1 erfolgen, sondern erfordert immer Einordnung
  • Es braucht neue Konzepte für die Förderung von Musikjournalismus

In der ersten Förderphase von EM GUIDE wurden rund 300 Artikel geteilt und in verschiedenen Medien veröffentlicht. Ein Erfolg, der jedoch auch Fragen aufwirft. Wie wichtig ist die inhaltliche Identität einzelner Medien wirklich? Sind hier neue Ansätze denkbar? Genau darum dreht sich die zweite Phase des Projekts, dessen Förderung durch die EU noch nicht entschieden ist. Mit einer Software-basierten Plattform ist die Koordination von Texten bereits jetzt möglich. Im nächsten Schritt könnte Content gemeinsam geplant und verwirklicht werden. Unter Berücksichtigung dringlicher Themen wie Nachhaltigkeit, Diversität und digitaler Arbeit ergibt sich so tatsächlich die Chance auf ein Netzwerk, dass die Informationskultur europaweit aufrechterhält.

em guide
© Stefanie Kulisch

Live Coding Networks – Eine persönliche Reise durch transnationale Systeme und feministische Dezentralisierung | Präsentation und Diskussion

Alexandra Cárdenas

Die Session widmete sich dem vernetzten Live-Coding aus der Perspektive der kolumbianischen Komponistin und Live-Coderin Alexandra Cárdenas und führte die Teilnehmenden durch eine Reihe technischer, ästhetischer und gemeinschaftlicher Aspekte dieser Praxis. Zu Beginn erläuterte Cárdenas, wie offene Plattformen und kollaborativ entwickelte Werkzeuge eine dezentrale und grenzüberschreitende Zusammenarbeit ermöglichen. Anhand verschiedener Beispiele – darunter OFFAL, Shared Buffer, Livecodera, Estuary und Flok – zeigte sie, wie solche Systeme seit Jahren dazu beitragen, kollektive musikalische Prozesse in Echtzeit zu realisieren und neue Formen des Zusammenspiels zu etablieren.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den Kommunikationskanälen der weltweiten Live-Coding-Community. Cárdenas zeichnete die Entwicklung nach, die einst mit Mailinglisten und IRC begann und sich später über Slack und Discord hin zu heutigen föderierten Netzwerken verlagert hat. Diese Infrastruktur, so betonte sie, sei nicht nur funktionales Organisationswerkzeug, sondern prägt entscheidend die soziale Struktur und Offenheit der Szene.

Die Lecture-Performance wurde begleitet von audiovisuellen Beispielen, die die Funktionsweise und Ästhetik vernetzter Live-Coding-Setups veranschaulichten. Zum Abschluss präsentierte Cárdenas gemeinsam mit Mitgliedern des Livecodera-Kollektivs eine kurze Performance in Estuary, in der die Möglichkeiten der kollaborativen Plattform direkt erfahrbar wurden. Das Publikum war eingeladen, mitzucodieren und selbst Teil des entstehenden Netzwerks aus Klang, Code und Interaktion zu werden.

mayas speaking
© Stefanie Kulisch

Green Mobility – Netzwerke für ökologische Mobilitätskonzepte | Podiumsdiskussion

Mit Elie Peuvrel (Nachhaltigkeitsbeauftragter der AdK), Clemens Hund-Göschel (Zafraan Ensemble), Sherif El Razzaz (Frequenz Festival Kiel), Jakob Fraisse (jazzahead! - Green Mobility); Moderation: Sophie Aumüller

Auch im Tournee-Geschäft spielen Netzwerke eine immer wichtigere Rolle – auch um mehr Nachhaltigkeit zu ermöglichen. Gibt es Möglichkeiten zur besseren Zusammenarbeit zwischen Künstler:innen, Agenturen und Spielorten? Zu diesem Thema tauschten sich diverse Akteur:innen mit reichlich Erfahrung bei diesem Panel aus. Jakob Fraisse vom Bremer jazzahead!-Festival gab zu Protokoll, dass Nachhaltigkeit seit vielen Jahren verpflichtende Konstante für die Organisation der Veranstaltung ist. Sherif El Razzaz vom Kieler Frequenz-Festival ergänzte, dass in seiner Arbeit die Region eine wichtige Rolle spielt. Der Austausch mit weiteren Veranstalter:innen sei gut und ermögliche Anschluss-Gigs für Künstler:innen, die beim Festival spielen – auch in Nachbarländern. Clemens Hund-Göschel vom Zafraan Ensemble berichtete aus der Künstler:innen-Perspektive: In den vergangenen Jahren habe sich das zehnköpfige Ensemble bemüht, die Reiseaktivitäten zu verringern, auch mit auf den ersten Blick unkonventionell erscheinenden Methoden: So wurden für internationale Projekte oft nur zwei Mitglieder entsandt. Das verringert den CO2-Fußabdruck, fördert aber auch die künstlerische Zusammenarbeit. Für Elie Peuvrel, den Nachhaltigkeitsbeauftragten der AdK, ist das Thema omnipräsent: Es erfordert Sensibilität bei allen, auch dem Publikum.

Wie lässt sich der Netzwerk-Gedanke in den Tournee-Alltag integrieren? In Bremen beim Jazzhead hat man dafür eine Plattform etabliert: Cooprog. In einer Karten-basierten Ansicht werden die Gigs von Künstler:innen angezeigt. Andere Promoter:innen sehen, welcher Act wann in der Region unterwegs ist, einen Off-Day hat und ein zusätzliches Konzert spielen kann. So werden nicht nur die Tourneen effizienter, sondern auch die Wege von Gig zu Gig verkürzt. Sherif El Razzaz begrüßt die Idee, die in seiner Arbeit bereits Alltag ist: Für sein Festival arbeitet er eng mit den fünf norddeutschen Bundesländern zusammen, um Musiker:innen weitere Gigs zu ermöglichen. Die dazugehörige Plattform ist bereits online. Für ihn steht fest: Es muss darum gehen, Ressourcen zu bündeln. Nachhaltigkeit sei gelebte Kulturförderung. Und apropos Förderung: Auch die muss besser gebündelt werden, darüber waren sich alle einig. Die einstmals verführerische und identitätsstiftende Idee einer Premiere an nur einem Ort bzw. bei nur einem Festival ist nicht nachhaltig. Stattdessen müssten Veranstalter:innen schon bei der Projektplanung zusammenarbeiten und gemeinsam Produktionen ermöglichen. Das geht auf Kosten der Exklusivität, mache letztendlich aber mehr möglich.

panel discussion
© Stefanie Kulisch

Accessibility of Networks (Katharina Ortmann) merged with Creating Networks with society / public: audience-artist-network (Claudia van Hasselt)

In der Open Session diskutierten mehrere Teilnehmerinnen über die Zugänglichkeit und Vernetzung in der zeitgenössischen Musikszene. Ausgangspunkt war die Frage, welche Erfahrungen die Teilnehmer:innen mit Netzwerken gemacht haben, welche Bedürfnisse bestehen und wie kulturelle Manager:innen die Verbindung zwischen künstlerischer Szene und Entscheidungsebene unterstützen könnten.

Ein zentrales Thema war die Sichtbarkeit kleiner, niedrig finanzierter Organisationen, die Workshops und Netzwerke in Städten wie München organisieren. Die Szene dort sei lebendig, aber weniger sichtbar als in Berlin oder Köln. Viele Ensembles und junge Musiker:innen existieren, ohne ausreichend wahrgenommen zu werden. Das Musikbüromuc versucht, Professionalität zu fördern, den Austausch mit benachbarten Städten zu stärken und die lokale Szene zu entwickeln.

Diskutiert wurde zudem der historische und aktuelle Stand von Netzwerkinstrumenten. Früher gab es Karten (online maps) für freie Improvisation und zeitgenössische Musik, auf denen aktive Veranstaltungsorte und Organisator:innen zu finden waren. Heute existieren solche Tools nur noch in Fragmenten, häufig als isolierte Online-Gruppen. Webplattformen wie emus.space in Sydney zeigen, dass zentrale Datenbanken nützlich wären, um Ressourcen effizient zu nutzen und den ökologischen Fußabdruck von Konzertreisen zu verringern.

Es wurde der Wunsch ausgesprochen, solche Übersichten für die ganze Welt aufzubauen. Ein Problem ist der enorme Verwaltungsaufwand. Die Teilnehmer:innen beschrieben das Ideal einer „Dream Team Agency“ – einer kollektiven, nicht-exklusiven Managementstruktur, die Kontakte teilt, Auftrittsmöglichkeiten vermittelt und vertrauensvoll unterstützt. Ein solches Modell könnte die Szene nachhaltig stärken. Vergleichbare Strukturen gibt es in der bildenden Kunst, etwa das Kollektiv „Saloon“ für Künstlerinnen, das lokale Gruppen miteinander verbindet und internationale Netzwerke ermöglicht.

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion kreiste um die direkte Einbindung des Publikums. Beispiele aus Brandenburg, Berlin, Yucatán und Kurdistan zeigten, wie partizipative Projekte, Workshops und integrative Konzerte nachhaltige Gemeinschaften fördern können. Besonders wichtig sei, Menschen direkt einzubeziehen und auf ihre lokalen Bedingungen einzugehen, statt zu erwarten, dass sie zu den Künstler:innen kommen. Dabei wurde betont, dass zeitgenössische Musik oft als Label Barrieren schafft – für die Beteiligten sei die künstlerische Praxis entscheidend, nicht die Kategorie.

Die Teilnehmer:innen reflektierten auch über Hierarchie in Netzwerken. Flache Strukturen fördern Beteiligung, gleichzeitig braucht es Verantwortliche, die größere Zusammenhänge überblicken und langfristige Verantwortung übernehmen. Ebenso wurden flexible Organisationsformen, rotierende Teams, Beteiligung von Nicht-Musikerinnen zur Entlastung der administrativen Arbeit und Mitgliedschaftsmodelle diskutiert, um Netzwerke systematisch zu erweitern.

Insgesamt zeigte die Session, dass Netzwerke in der zeitgenössischen Musik durch persönliche Beziehungen, kollektive Organisation, transparente Verwaltung und partizipative Ansätze wachsen. Sichtbarkeit, Austausch und nachhaltige Strukturen entstehen nicht allein durch formale Institutionen, sondern durch kontinuierliche, vertrauensvolle Zusammenarbeit und die aktive Einbindung lokaler und internationaler Communities.

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© Stefanie Kulisch

Feministische Netzwerke in der zeitgenössischen Musik

Mit Rosanna Lovell & Stellan Veloce

Die Musiker:innen, Komponist:innen und Netzwerker:innen Rosanna Lovell und Stellan Veloce gaben in ihrer Session den Teilnehmenden zunächst einen Überblick zu den bestehenden feministischen Musik-Netzwerken in Europa. Selbst ohne Anspruch auf Vollständigkeit entstand so ein beeindruckendes Bild der Repräsentation und Organisation. Danach wurden die wichtigen Merkmale herausgearbeitet, die es braucht, um nachhaltig und erfolgreich arbeiten zu können. Vom offensichtlichen Anspruch (Räume schaffen) über das vermeintlich Unwichtige (ein einprägsamer Name schafft Zusammengehörigkeit und Aufmerksamkeit) bis zu gesetzten Parametern (Inklusivität und Nachhaltigkeit) entstand so Schritt für Schritt ein Leitfaden für den Erfolg, vor allem aber für die Zusammenarbeit und den Netzwerk-getriebenen Austausch. Drei Themen standen dabei im Mittelpunkt:

  • Förderung
  • Zugang
  • Ästhetik

In allen drei Bereichen kommt es darauf an, zusammenzuarbeiten. Der Wettbewerb um Fördermittel muss der Vergangenheit angehören – stattdessen geht es darum, Synergien zu nutzen. Zugang zu Netzwerken muss allgemeingültiger gedacht werden. Die größte Hürde, um noch besser zusammenzuarbeiten, ist jedoch die ästhetische Definition und Abgrenzung. Hier gilt es, offen zu sein. Denn: Institutionelle Förderung wird immer noch oft genau an diesen Parametern entschieden. Das ist nicht nachhaltig und zukunftsfähig. Neue Formate, Herausforderungen und Haltungen erfordern eine kontinuierliche Infragestellung der eigenen Ideen.

feminist networks
© Stefanie Kulisch

Digitale Ansätze für transnationale Zusammenarbeit – Tourbus Projekt

Brandon Farnsworth

Brandon Farnsworth präsentierte in seinem Vortrag das Tourbus-Projekt, ein datengetriebenes Forschungsprojekt, das untersucht, wie digitale Spuren von Live-Musik genutzt werden können, um Tourplanung, internationale Kooperationen und Festivalprogramme besser zu verstehen und zu gestalten. Zu Beginn stellte sich Farnsworth vor und erläuterte, dass seine Perspektive stark von seinen bisherigen Erfahrungen geprägt sei: Er ist aktuell Forscher an der Lund University in Schweden, wird bald nach Rennes in Frankreich wechseln und hat zuvor längere Zeit in Berlin sowie im deutschsprachigen Raum, unter anderem in Zürich, gelebt. Diese biografische Einbettung erklärt sein Bewusstsein für unterschiedliche kulturelle Kontexte und die Art, wie Musik, insbesondere experimentelle Musik, kategorisiert und diskutiert wird. Das Projekt zielt jedoch bewusst auf den nordischen Kulturkontext, um dortige Herausforderungen sichtbar zu machen, soll aber Impulse auch für andere Regionen liefern.

Das Kernziel des Tourbus-Projekts ist es, digitale Spuren von Live-Musik, wie Konzertankündigungen, Festivalprogramme und Eventkalender, zu sammeln und zu analysieren, um Netzwerke von Künstler:innen, Veranstaltungsorten und Festivals transparent zu machen. Farnsworth hob hervor, dass die Vernetzung in der Musikszene häufig eine zentrale Hürde darstellt, da der Überblick darüber, wer wann und wo auftritt, traditionell schwer zu gewinnen ist. Genau hier setzt das Projekt an: Durch die systematische Sammlung und Analyse dieser digitalen Spuren lassen sich großräumige Muster erkennen, die über einzelne Fallstudien hinausgehen.

Im Rahmen eines Pilotprojekts, das in Zusammenarbeit mit Art Music Denmark in Dänemark durchgeführt wurde, sammelte Farnsworth Daten von Webseiten dänischer und schwedischer Festivals, Veranstaltungsorte und Künstlerinnen. Dabei wurden etwa 500.000 Webseiten gecrawlt, ausgehend von 400 Startseiten. Die so gewonnenen Informationen zu Veranstaltungsorten, Terminen, Künstlerinnen, Rollen und Ensembles wurden mithilfe der selbst entwickelten Software Tourbus aufbereitet und in ein Netzwerk überführt, das künstlerische Kooperationen und Touraktivitäten sichtbar macht. Die Methodik orientierte sich an Actor-Network-Theorien: Anstatt feste Vorstellungen davon zu haben, wer als Musikerin oder Performance zählt, ließ Farnsworth die Strukturen und Communities aus den Daten selbst entstehen. Dies ermöglichte es, flexible und dynamische Rollen von Künstlerinnen, insbesondere im Bereich experimenteller Musik, adäquat abzubilden.

Die Analyse des Pilotprojekts ergab Daten zu rund 160.000 Künstlerinnen und 50.000 Gruppen oder Ensembles. Nach Datenbereinigung und manueller Kontrolle konzentrierte sich Farnsworth auf die Analyse von Veranstaltungsorten, da diese stabilere Entitäten darstellen und die Duplizierung von Künstlerinnen besser ausgeglichen werden konnte. So konnten etwa 1.200 unterschiedliche Veranstaltungsorte in der nordischen Region identifiziert werden, von großen Konzertsälen über Museen bis hin zu Bars und Gemeindezentren in ländlichen Gebieten. Die räumliche Verteilung zeigte erwartungsgemäß hohe Dichten in urbanen Zentren wie Kopenhagen oder Stockholm, machte jedoch auch eine breite Streuung über ländliche Regionen sichtbar.

Ein zentraler Nutzen des Projekts liegt in der Rekonstruktion von Künstlernetzwerken und grenzüberschreitenden Mobilitätsmustern. Farnsworth demonstrierte die Identifikation von Communities innerhalb der Daten, indem er Veranstaltungsorte gruppierte, die viele der gleichen Künstlerinnen teilen, und die Flüsse zwischen Ländern visualisierte, etwa durch Chord-Diagramme, die Verbindungen zwischen Ländern anhand gemeinsamer Auftritte zeigen. Diese Analyse ermöglicht nicht nur neue Einblicke in internationale Kooperationsnetzwerke, sondern kann auch politische Maßnahmen zur Förderung von Musikerinnenmobilität evaluieren.

Abschließend diskutierte Farnsworth die Implikationen für die Distribution von Musik und die Kontrolle über Daten. Der Vortrag stellte die Idee vor, digitale Infrastruktur so zu gestalten, dass sie Künstlerinnen zugutekommt und nicht den Profit von Plattformbetreibern maximiert. Dies eröffnet Möglichkeiten für nachhaltige Tourplanung, etwa langsame, klimafreundliche Touren entlang von Zugverbindungen, sowie für gezielte Interventionen, um Repräsentation und Solidarität innerhalb der Musikkultur zu stärken. Insgesamt zeigt das Tourbus-Projekt, wie digitale Werkzeuge und Datenanalysen genutzt werden können, um die Vernetzung, Sichtbarkeit und Selbstbestimmung von Künstlerinnen im internationalen Kontext zu fördern.

fansworth speaking
© Stefanie Kulisch

Sonic Fragilities | Lecture-Performance

Laura Mello und Steffi Weismann (Errant Sound)

Auch im Performativen ist der Netzwerk-Gedanke präsent. Das gilt nicht nur für die Zusammenarbeit der Musiker:innen, sondern auch zwischen den Ausführenden und den Locations. Denn der Ort der Aufführung beeinflusst auch die künstlerische Praxis. Laura Mello und Steffi Weismann – beide Teil von Errant Sound – begannen ihre Session bei »Time to Listen« mit einer Performance der Komposition »Sonic Fragilities«, die die beiden Komponistinnen in der Akademie der Künste dekonstruierten und rekontextualisierten. Das Werk wurde ursprünglich im Floating Berlin aufgeführt, einem Areal unweit des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof – ein Rückhaltebecken für das Regenwasser. Insgesamt 13 Klangkünstler:innen bespielten das Gelände – eine Studie der Zusammenarbeit und der Auseinandersetzung mit dem Ort: Individuelle Arbeiten wurden on site vereint und zum Klingen gebracht. Bei dieser Arbeit zeigte sich, wie wichtig ein Netzwerk, also die Zusammenarbeit, wirklich ist – im gemeinsamen Achten auf den Ort, aber auch in der Interaktion der Teilnehmenden.

Die Performance dieser Recomposed-Studie legt den Schwerpunkt auf das Partizipative: Beide Musikerinnen spannen Drähte im Auditorium, zwischen denen Pappkartons hängen – ausgestattet mit Mikrofonen sind die Kartons Klangräume und Resonatoren, die die Schwingungen der Drähte aufnehmen und verstärken. Mit Bogen werden die Drähte animiert und zum Schwingen gebracht. Weitere Resonanzkörper kommen Schritt für Schritt dazu, zum Beispiel »Dosentelefone«, zwei mit Drähten verbundene Blechbüchsen, über die sich die Teilnehmenden unterhalten oder einfach nur Noise austauschen.

performance
© Stefanie Kulisch

Netzwerke jenseits von Institutionen

mit Tania Rubio, C-drík Fermont (Syrphe), Holger Schulze (Universität Kopenhagen, Dänemark), Magda Mayas, Rosanna Lovell (GRiNM/Gender Relations in New Music and gather collective, Moderation: Julia Gerlach

Welche Rolle spielen Netzwerke jenseits von Institutionen? Wie arbeiten sie zusammen? Ist diese Zusammenarbeit überhaupt gewünscht? Es ist kompliziert, darüber waren sich alle Teilnehmenden des Panels einig. Mit der Website Syrphe kümmert sich der interdisziplinäre Künstler Cedrik Fermont seit Jahren um die Dokumentation und Sichtbarkeit der abseitigen Musik aus Afrika und Asien. Holger Schulze, Musikwissenschaftler an der Uni Kopenhagen, hat den akademischen Blick auf die Szene. Tania Rubio arbeitet seit vielen Jahren an und mit Netzwerken in ihrer mexikanischen Heimat. Magda Mayas ist Pianistin, Forscherin, Netzwerkerin und Mitbegründerin von making waves. Und Rosanna Lovell ist ganz hands-on in gleich zwei Kollektiven aktiv: GRiNM und gather.

Was es bedeutet, sich um ein musikalisches Feld zu kümmern – allein oder mit anderen, archivarisch oder kompositorisch – wird schon in der Vorstellungsrunde deutlich. Fermont war schon immer Einzelkämpfer. Seine Vision ist es, Musik aus Afrika und Asien zu dokumentieren, einen Wissenstransfer zu ermöglichen und somit Künstler:innen dieser Kontinente in Europa zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen. Mayas hat in Berlin ihr eigenes Netzwerk ins Leben gerufen – aus Frustration darüber, dass Stimmen aus Palästina nicht gehört, also auch nicht repräsentiert sind. Lovell bringt die dezidiert feministische Perspektive in die Diskussion, Rubio die lokale-mexikanische: An der Schnittstelle zwischen Klangforschung und umweltpolitischer Awareness in Verbindung mit der Integration und Wertschätzung lokaler Communities gab es vor ihrer Arbeit schlichtweg eine große Leerstelle.

Institutionelle Unterstützung haben diese Netzwerke nicht bzw. kaum. Das ist zum Teil so gewollt, oft aber auch nicht möglich. Um Sichtbarkeit und Traktion zu erlangen, müssen die Netzwerke zusammenarbeiten. Schulze berichtet über die Situation in Dänemark. Dort führten die Kürzungen im Kulturetat zu völlig neuen Allianzen zwischen Szenen, die bislang wenige bis gar keine Berührungspunkte miteinander hatten. Diese Abkopplung von Institutionen und möglicher Förderung eröffne tatsächlich auch Chancen, sagt Fermont. Unabhängigkeit von Förderbedingungen ermögliche selbstbestimmteres Arbeiten. Mayas stimmt dem zu, fügt jedoch hinzu, dass freiberufliche Künstler am stärksten von Kürzungen der Fördermittel betroffen sind, und betont die Notwendigkeit einer stärkeren institutionellen Unterstützung.

Für Schulze steht hingegen fest, dass die institutionelle Struktur nach wie vor wichtig sei. Ist die Zusammenarbeit kleinerer Kollektive und Initiativen nicht genau das? Lovell begrüßt genau diese Zusammenarbeit. Immer nur in der eigenen Bubble zu arbeiten, bringe Ideen letztendlich nicht voran. Stichwort Sichtbarkeit: Beide Seiten – die Institutionen und die unabhängigen Netzwerke – sollten sich weder ignorieren noch das Gemeinsame bewusst ausschließen. Institutionen müssten sich öffnen, dürften nicht unnahbar wirken. Und die unabhängigen Netzwerke sollten ein Andocken durch z.B. Förderung nicht kategorisch ausschließen. Synergien müssen genutzt werden.

panel discussion
© Stefanie Kulisch

Open Session: cresceNMDo »Cooperation Resources Exchange – Sharing Creating Exploring in the New Music Domain«

Giancarlo Staffetti

Giancarlo Staffettis Projekts cresceNMDo (»Cooperation Resources Exchange – Sharing Creating Exploring in the New Music Domain«) zielt darauf ab, Ungleichheiten zwischen europäischen Strukturen im Bereich der Neuen Musik abzubauen, die Lebenszyklen von Auftragswerken zu verlängern und bessere Arbeitsbedingungen für Komponist:innen und Künstler:innen zu schaffen.

Staffetti betonte, dass viele Künstlerinnen Schwierigkeiten haben, Zugang zu künstlerischen Residenzen und angemessenen Arbeitsbedingungen zu erhalten. Dies beeinflusst nicht nur die Qualität der künstlerischen Arbeit, sondern verhindert auch, dass aufwendigere Projekte entstehen und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Gleichzeitig sei der Austausch zwischen Akteurinnen der Szene – von Produzent:innen über Verlage bis hin zu Veranstaltungsorten – rückläufig, und das Engagement des Publikums nehme ab.

Das Projekt basiert auf drei zentralen Säulen: Ko-Produktion und Residenzen, Networking sowie Lernen und Kompetenzentwicklung.

  1. Ko-Produktion und Residenzen: Hier werden ambitionierte Werke geschaffen oder neu inszeniert. Residenzphasen sollen auf neuen künstlerischen Richtungen und geteilten Werten basieren und sowohl künstlerische als auch administrative Aspekte einbeziehen.
  2. Networking: Ein reisendes Fach-Event bringt zentrale Akteurinnen des zeitgenössischen Kunstsektors zusammen. Dazu zählen Konferenzen, Speed Meetings, Pitches, Work-in-Progress-Präsentationen sowie Markt- und Standort-Shows. Ziel ist es, neue Netzwerke zu öffnen und den Austausch zwischen Künstler:innen, Produzent:innen und Institutionen zu fördern.
  3. Lernen und Kompetenzentwicklung: Arbeitsgruppen und Ressourcen werden zu spezifischen Themen bereitgestellt. Dazu gehören die Entwicklung neuer Zielgruppen, die Stärkung lokaler Engagements, die Mobilisierung öffentlicher und privater Partner sowie die Erprobung von Kooperations- und Ko-Produktionsmodellen.

Die übergeordneten Ziele des Projekts sind die Förderung neuer Künstler:innen und Projekte etablierter Künstler:innen, ein besseres Verständnis der Herausforderungen in verschiedenen Ländern, die Eröffnung neuer Ko-Produktionsnetzwerke, der Austausch von Wissen und Fähigkeiten sowie die Einrichtung eines Open-Access-Ressourcen-Hubs.

Derzeit befindet sich cresceNMDo in der Strukturierungs- und Planungsphase. Partner werden gesucht und bestätigt, um die Einreichung eines Antrags bei Creative Europe vorzubereiten. Das Projekt setzt auf grenzüberschreitende Zusammenarbeit, nachhaltige Strukturen und die langfristige Stärkung der Neuen Musik in Europa.

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© Stefanie Kulisch

TAG 2

 

Neue Allianzen – Zeitgenössische Musik im geopolitischen Wandel

Mit Les Vynogradov (Kyiv Contemporary Music Days), Gabriella Gál (EM GUIDE), Iris ter Schiphorst (Komponistin und Akademie der Künste), Monika Mattiesen (AFEKT Festival), Moderation: Tuuli Lindeberg (Musica nova Helsinki)

Um Krisen mit erhobenem Haupt begegnen zu können, braucht es mehr Solidarität. Ob kriegerische Auseinandersetzungen oder politische Radikalisierung, global, (trans)national oder lokal: Szenen müssen gemeinsam agieren und sich gegenseitig unterstützen. Das gilt auch für die zeitgenössische Musik und ihre Akteure in Europa. Wie das gehen kann und wie überhaupt die Lage ist, war Thema dieser Podiumsdiskussion.

Les Vynogradov (Kyiv Contemporary Music Days) berichtete über die Situation in der Ukraine. Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs dezimierte sich die lokale Szene durch Flucht selbst. Vynogradovs Organisation kümmerte sich zunächst darum, die im Land verbliebenden Künstler:innen zu unterstützen und international Geld aufzutreiben. Gute Vernetzung machte dies möglich, bevor er und sein Team selbst das Land verließen und nach Berlin umsiedelten – wiederum ermöglicht durch gute Kontakte und Netzwerke. Für die Kyiv Contemporary Music Days bedeutete der Umzug nach Deutschland zunächst mehr Aufmerksamkeit und wachsende Internationalität – natürlich aus den falschen Gründen. Das Netzwerk der ukrainischen Musiker:innen aufrecht und lebendig zu erhalten, sei aktuell sehr herausfordernd: Der Großteil ist auf der ganzen Welt verteilt.

Monika Mattiesen, die künstlerische Leiterin des Afekt Festivals in Estland, gab zu Protokoll, dass die Regierung nach Beginn des Angriffskriegs viel Geld in die Kultur investierte, gerade in der Region rund um Narva, wo ein Großteil der russischsprachigen Minderheit lebt. Dort entstanden u.a. Projekte für Kinder und Jugendliche, die mit Field Recordings ihre Heimat besser kennenlernen sollten. Sie selbst und ihr Team organisierten Residencies für ukrainische Künstler:innen.

Gabriella Gál (EM Guide, Budapest) berichtete aus Ungarn, wo Subkulturen und Minderheiten von der Regierung seit Jahren ins Visier genommen werden. Auch das habe zur Krise in den Szenen geführt, zu Verunsicherung und Zweifel, auch an der eigenen künstlerischen Praxis.

Tuuli Lindeberg von Musica nova Helsinki nahm als Moderation der Diskussion den Faden auf und befragte die Teilnehmenden zur ästhetischen Wirkung des Wandels und der Krise. Vynogradov berichtete, dass viele ukrainische Künstler:innen vermehrt mit den klanglichen Realitäten des Krieges arbeiten: Stille, Drones, Geräusche ganz allgemein. Aber auch das eskapistische Moment der Musik erlebe eine Renaissance. Kunst, so sagt er, sei in Zeiten der Krise noch viel wichtiger.

Wichtig ist allen Teilnehmenden, dass in Zeiten der Disruption Förderung allein nicht helfe, die Krise zu bewältigen. Sie schafft die Basis, die Initiative muss jedoch von den Künstler:innen aufgenommen und umgesetzt werden. Solidarität ist bei allen gefordert. Und wenn eine Krise den internationalen Austausch hemmt, ist das a) nicht zwingend negativ zu bewerten und bedeutet b), dass transnationale Förderstrukturen neu gedacht und Gelder zielgerichteter eingesetzt werden müssen.

panel
© Stefanie Kulisch

Sound, Listen, Search | Listening Game

Peter Cusack

Für seinen Klangspaziergang denkt Peter Cusack das Prinzips des Netzwerks spielerisch und interaktiv. Die Teilnehmenden streiften gemeinsam durch den an die Akademie der Künste angrenzenden Tiergarten – auf der Suche nach einer nicht näher definierten »Klangbox«, die Umgebungsgeräusche aufnimmt und dann ins Mobilfunknetz streamt. Diesen Stream hatten die Mitmachenden auf dem Ohr und konnten die Box so orten. Nicht zuletzt durch ihr eigenes Zutun: Alle hatten Klangerzeuger dabei. Auch deren Sounds wurden irgendwann von der Box aufgenommen und auf die Kopfhörer der Handys zurückgespielt. Je lauter das eigene Geräusch, desto näher dran an der Box.

In zwei Durchgängen zeigte der auf Field Recordings spezialisierte Musiker Peter Cusack so, was Wahrnehmung bedeutet und wie sie gerade im Netzwerk oft genug Orientierung bietet und Verbindungen ermöglicht.

fall colors and walkers
© Stefanie Kulisch
Cusack
© Stefanie Kulisch

How can we expand this conversation to include networks from the USA, Canada, Asia, Latin America and and Africa

Ricardo Lorenz (Leiter der Session), Clémence Creff, Eiliyas Nicholas Kelly, Björn Gottstein, Eva Zöllner, Doris Weberberger, Cedrik Fermont, Sophie Aumüller, Brandon Farnsworth

In der Diskussion wurde zunächst festgestellt, dass Musik aus Südamerika in Europa nur schwer Gehör findet. Es wurde als bedauernswert empfunden, wie wenig präsent diese Musik ist und wie gering das Interesse und die Neugier häufig ausfallen. Zur Sprache kam, dass ästhetische Urteile eine Rolle spielen könnten und bisweilen wie ein Filter wirken und dass die Neue Musik möglicherweise weniger offen ist, als oft angenommen wird. Auch wurde darauf hingewiesen, dass Sprach- und Reisebarrieren den Austausch erschweren und Veröffentlichungen oft nur dann wahrgenommen werden, wenn sie in westlichen Sprachen vorliegen.

Mehrfach wurde betont, dass westliche Länder über die Mittel verfügen, internationale Komponist:innen sichtbar zu machen, während viele Regionen strukturell benachteiligt bleiben. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass es in Europa an Informationen über zeitgenössische Musikszenen Südamerikas mangelt, so gäbe es beispielsweise kein Musikinformationscentrum in Südamerika.

Die Frage, wie Vertrauen aufgebaut werden könne, führte zu der Einschätzung, dass sich an vielen strukturellen Ungleichheiten in den letzten Jahrzehnten wenig verändert habe. Während einige Regionen gut vernetzt seien, blieben andere nahezu unsichtbar. Es wurde betont, dass eine gewisse Grundhaltung des Vertrauens notwendig sei, auch wenn man nicht alles unmittelbar verstehen könne.

Die Frage nach der Rolle von Kurator:innen als mögliche Vermittler:innen führte zu der Überlegung, ob Kuratieren eine Form von Autorität oder vielmehr eine moderierende Tätigkeit sei. Es wurde vorgeschlagen, kuratorische Arbeit eher als Ermöglichung von Begegnungen und Austausch zu verstehen. Zugleich wurde berichtet, wie wichtig Räume sind, in denen Menschen nicht auf ihre Herkunft reduziert werden und ästhetische Filter bewusst hinterfragt werden können. Unterschiedliche Hintergründe – von Neuer Musik bis DIY – sollten nebeneinander bestehen dürfen.

 

Transkulturelle Zusammenarbeit kuratieren | World Café

Miriam Akkermann, Katharina Rosenberger

Künstlerische Projekte mit mehreren Teilnehmenden haben oft nur eine kurze Lebensdauer – nämlich bis zur Aufführung. Mit der Frage, wie sich der kollaborative Ansatz darüber hinaus, also langfristig(er) sicherstellen lässt, beschäftigt sich Katharina Rosenberger vom Zürcher Festival Sonic Matter. Dort wird versucht, den Kontakt zwischen Künstler:innen und der beauftragenden Institution (dem Festival) gerade auf transnationaler und transkultureller Ebene aufrecht zu erhalten, gegenseitige Einladungen immer wieder zu ermöglichen. Gemeinsam mit Miriam Akkermann (Musikstiftungsprofessur für Neue Musik am musikwissenschaftlichen Seminar der Freien Universität Berlin) stellte sie in diesem kollaborativen Workshop die Frage, wie institutionelle Strukturen Netzwerke ermöglichen, formen und langfristig unterstützen können. In der Session zählte vor allem das Input und Feedback der Teilnehmenden, die sich in vier Gruppen zu unterschiedlichen Themen berieten und die Ergebnisse im Anschluss präsentierten.

  • Repräsentation und Diversität

Diversität wird derzeit oft nicht angemessen abgebildet. Das hat zum Teil politische Gründe, aber auch das Organisatorische ist herausfordernd – Stichwort Sprachbarriere. Englisch ist der Standard der international agierenden Institutionen. Wer diese Sprache nicht beherrscht, darf nicht ausgeschlossen werden. Hier sind die Institutionen gefragt und gefordert: Inklusivität muss mehr als eine Geste sein. Hier beobachten die Teilnehmenden jedoch erste positive Tendenzen. Bei einigen Festivals werde bereits verstärkt auf Mehrsprachigkeit geachtet – von den Programmtexten bis zur Veranstaltung selbst. Repräsentation und Diversität werden jedoch oft bereits während der Kuration und Planung nicht ausreichend berücksichtigt. Was ist aus Sicht der Organisierenden wert, gefördert und berücksichtigt zu werden? Eine dringliche Debatte. Es gilt, das Normative immer infrage zu stellen.

  • Kuratorische Perspektiven

Die Kuration beinhaltet weit mehr als die Programmplanung und die Ausgestaltung einzelner Projekte. Wer kuratiert, leistet Care-Arbeit. Es geht um Orte, Freiräume, Vertrauen – gerade bei vergleichsweise geringen Fördermitteln. Organisierende Netzwerke müssen sich dessen bewusst sein und gute Beziehungen zu den Förderstrukturen in der Politik und den Institutionen pflegen. Der Kommunikationsauftrag: Projekte brauchen Zeit und lassen sich nicht immer ausschließlich mit Geldern fördern, die an ein spezifisches Festival bzw. einen klaren Zeitrahmen geknüpft sind.

  • Integration und nachhaltige Wirkung

Auch wenn Inklusion gewünscht ist und eingefordert werden muss: 100 % ist unmöglich. Entscheidungen müssen immer getroffen werden, Auswahlprozesse sind Teil der Praxis. Der Austausch, das kollaborative Miteinander ist wichtig, aber nicht überall praktikabel bzw. anwendbar. Etwaige Sprachbarrieren dürfen nicht ignoriert werden – sie können Projekte auch hemmen bzw. ausbremsen. Kommunikation muss gewährleistet sein. Zum Stichwort nachhaltige Wirkung fügt die Arbeitsgruppe wichtige Punkte hinzu, gerade in Bezug auf langfristige Förderung: Netzwerke müssen Wege finden, dieses wünschenswerte Ziel miteinander zu diskutieren. Denn wenn Projekt A gefördert wird, bedeutet das zwangsläufig, dass Projekt B keine Gelder bekommt. Diese Tatsache birgt Konfliktpotenzial, das gemanagt werden muss.

  • Formate der Begegnung

Begegnungen erfordern nicht nur Räume, sondern auch gegenseitigen Respekt. Ästhetische Konzepte weisen zum Teil große Unterschiede auf, im transnationalen Austausch ist das oft schon zwischen benachbarten Ländern zu spüren. Diese Tatsache hat auch Konsequenzen für die Kuration. Vorurteile und lokal-tradierte Praktiken müssen zunächst anerkannt, im nächsten Schritt aber überprüft und schließlich überwunden werden. Die Teilnehmenden der Arbeitsgruppe sind sich einig: Die »westliche Überheblichkeit« steht in diesem Prozess besonders auf dem Prüfstand. Oft sind es aber schon die kleinen Dinge, die etwaige Hürden abbauen: Alltägliches – gemeinsames Kochen, Spaziergänge, Tanzen – helfen dabei, das Gemeinsame in der künstlerischen Praxis positiv zu befördern.

group discussion
© Stefanie Kulisch

Grounding Local Responses to Global Polycrisis – Sonic Reflections on »Landslide«

Ariel W. Orah, Samuel Johnstone, Pisitakun Kuantaleng

Ariel W. Orah, Samuel Johnstone und Pisitakun Kuantaleng präsentierten ihr gemeinsames Projekt »Landslide« sowie die künstlerische Initiative Soy Division. Sie boten Einblicke in die Entstehung, Entwicklung und die methodischen Ansätze ihrer Arbeiten, die sich an der Schnittstelle von Klangkunst, sozialer Praxis, ökologischer Verantwortung und politischer Reflexion bewegen. Die Initiativen entstanden aus persönlichen, kollektiven und gesellschaftlichen Krisenerfahrungen: Pandemie, Krieg, Energiekrise, ökologische und ökonomische Unsicherheiten sowie politische Ereignisse wie der 7. Oktober prägten die Ausgangslage für die künstlerische Arbeit.

Soy Division wurde ursprünglich als Einzelprojekt von Ariel W. Orah konzipiert, das sich mit sozialen und ökologischen Ungerechtigkeiten auseinandersetzt und diese in künstlerische Praktiken integriert. Der Name ist eine spielerische Anlehnung an die Band Joy Division (ohne diese zu verehren). Ausgangspunkt war die Frage, wie Kunst im Kontext sozialer Praxis wirken kann, insbesondere angesichts eigener fehlender akademischer Ausbildung im künstlerischen Bereich. Das Projekt entwickelte sich zu einer lose organisierten Plattform, in der lokale und internationale Künstler:innen, Aktivist:innen und Interessierte zusammenkamen. Diese Transformation von einem Einzelprojekt zu einer kollektiven Initiative illustriert die flexible, sich an verändernde gesellschaftliche und persönliche Umstände anpassende Arbeitsweise von Soy Division.

Die Wahl des Standorts Berlin-Schöneweide für »Landslide« ist strategisch und symbolisch: Historisch belastet durch industrielle Nutzung und rechtsextreme Strukturen in den 1990er Jahren, bietet das Viertel heute Raum für künstlerische Experimente und gemeinschaftliche Aktivitäten. Die Künstler:innen nutzten diese »peripheren« Räume, um lokale Communities einzubeziehen, neue Allianzen zu bilden und auf die Krise des Alltags, der Ökologie und der Politik zu reagieren. Die Pandemie, Krieg, Energiekrise und globale Krisen wurden als Ausgangspunkt genommen, um Kunst als Mittel der Reflexion und kollektiven Erfahrung zu entwickeln. Klang spielte dabei eine zentrale Rolle, da er als Mittel des Widerstands, der Beobachtung und der Vermittlung von komplexen ökologischen und sozialen Zusammenhängen genutzt wurde.

Samuel Johnstone präsentierte »Soil Loops«, ein langfristiges Klangkunstprojekt, das die Beziehung zwischen Boden, Ökologie und Gesellschaft erforscht. Mit Mikrofonen und Sound-Installationen machte er die subtilen Lebenszeichen in Böden hörbar, von städtischen Gärten bis zu historisch belasteten Industriestandorten. Das Projekt verbindet westliche wissenschaftliche Methoden mit indigenem Wissen und zeigt auf, wie lokale ökologische Realitäten in globalen Kontexten reflektiert werden können. Ziel ist es, ökologische, soziale und politische Krisen als zusammenhängende Phänomene zu erfassen und künstlerisch zu vermitteln.

Ariel W. Orah stellte »Gurita Suara« (»Oktopus des Klangs«) vor, eine Serie von Sound-Skulpturen, die aus persönlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Krisen resultieren. Ein Beispiel ist eine Arbeit, die den globalen Rohstoffabbau und die sozialen Folgen von Nickelproduktion in Indonesien thematisiert. Über interaktive Klanginstallationen wird Kindern wie Erwachsenen ein Verständnis für globale Ungerechtigkeiten vermittelt. Die Arbeiten verbinden persönliche Reflexion, Umweltbewusstsein und künstlerische Experimentierfreude.

Pisitakun Kuantaleng präsentierte das Projekt »The Three Sounds Of Revolution «, das er 2023 beim daad entwickelte und das aus seinen Erfahrungen als Künstler und Aktivist in Thailand erwachsen ist. Die Inspiration für das Projekt stammt aus den Protestbewegungen in Thailand, insbesondere dem sogenannten »Three-Finger-Salute«, der zu einem Symbol für Solidarität, Gleichheit und Freiheit geworden ist. Jede der drei Fingerbewegungen steht für einen dieser Werte: der Zeigefinger für Solidarität, der Mittelfinger für Gleichheit und der Ringfinger für Freiheit. Kuantaleng nutzte diese symbolische Struktur, um die Kernprinzipien seiner künstlerischen Arbeit zu ordnen und den politischen Kontext in eine auditiv erfahrbare Form zu übersetzen. Für das Projekt setzte er sich mit Protestkultur und revolutionären Liedern auseinander, die er in Ausstellungen, Clubnächten und Festivals zusammengeführte, um sowohl politische Reflexion als auch partizipative Freude zu erzeugen. So entstand ein Raum, in dem künstlerische Praxis politische Diskurse, historische Erfahrungen und gesellschaftliche Kritik verbindet.

Im Anschluss an die Vorstellung der künstlerischen Projekte widmete sich die Präsentation den Fragen, die sich aus der Praxis von Soy Division und »Landslide« für die institutionelle Kunstszene ergeben. Ein zentrales Thema war die Beziehung zwischen lokalen Initiativen und etablierten Kunstinstitutionen. Die Künstler:innen betonten, dass echte Zusammenarbeit nur möglich ist, wenn Institutionen zunächst zuhören, anstatt sofort ihre Strukturen, Fördermechanismen und Hierarchien aufzuerlegen. Dieser Perspektivwechsel – vom Top-down-Fördermodell hin zu einem auf gegenseitigem Respekt basierenden Dialog – wurde als entscheidend für nachhaltige, sozial relevante Kunstpraxis beschrieben. Es geht dabei nicht um das bloße Einwerben von Geldern oder Prestige, sondern um eine empathische Verbindung, die kreative Freiheit, Gemeinschaftsbildung und gesellschaftliche Reflexion fördert.

Diskutiert wurden auch Fragen nach der Skalierbarkeit kleiner Initiativen. »Landslide« operiert bewusst auf kleinem Raum: wenige Beteiligte, begrenzte Mittel, aber intensive inhaltliche Tiefe. Die Frage lautete: Wie kann man wiederholbare, langfristige Wirkung erzielen, ohne dass Projekte ihre experimentelle und flexible Natur verlieren? Dabei spielen Partnerschaften mit lokalen, oft ehrenamtlich geführten Initiativen eine wichtige Rolle. Diese Verbindung zwischen etablierten Strukturen und neuen, experimentellen Formaten kann zur langfristigen Resilienz und Sichtbarkeit kleiner Initiativen beitragen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Frage nach globaler Repräsentation. Wie können internationale Künstler:innen, insbesondere aus dem Globalen Süden, in kuratorische Entscheidungsprozesse eingebunden werden, ohne dass dies rein symbolisch geschieht? Die Präsentation thematisierte die Notwendigkeit, Machtstrukturen und Entscheidungsprozesse kritisch zu reflektieren, um die Integration globaler Perspektiven authentisch und nachhaltig zu gestalten.

Die Konferenz endete mit dem Appell, dass Institutionen und Künstler:innen gleichermaßen lernen müssen, zuzuhören, Räume für kollektive Praxis zu schaffen und die Komplexität globaler Krisen in die künstlerische Arbeit zu integrieren.

soy division
© Stefanie Kulisch

Open Session: European Network for Coproducing

Sophie Aumüller und Lydia Rilling

Die spontan initiierte Open Session von Sophie Aumüller (Impuls Neue Musik) und Lydia Rilling (Donaueschinger Musiktage) nahm ebenfalls die Frage in den Blick, wie Netzwerke langfristig erhalten werden können bzw. wie die transnationale Zusammenarbeit generell verbessert oder gar ganz neu aufgestellt kann. Die Diskussion begann aus der Perspektive der Veranstaltenden. Um der omnipräsenten Realität zwischen schrumpfenden Budgets, steigenden Produktionskosten und dem generellen Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit erfolgreich zu begegnen, ist eine engere Zusammenarbeit von Festivals im europäischen Rahmen erforderlich. Aber ist sie auch gewünscht und umsetzbar? Lässt sich das Geflecht zwischen langfristiger Planung, Fördergeldern, Tourneeplänen und Projekten auflösen?

Der erste Schritt wäre Transparenz auf allen Seiten. Die gäbe es aktuell zu selten oder gar nicht. Denn – das war von vielen Teilnehmenden zu hören – viele Festivals und Kurator:innen lassen sich nicht die Karten schauen, oft ist die Uraufführung, die Idee der Exklusivität wichtiger als der institutionelle Austausch. Erschwerend hinzu kommen unterschiedlich lange Planungsphasen. Das mache es auch für Künstler:innen und Booker:innen oft schwierig bis unmöglich, weitere Termine zu buchen. In dieser Situation sei die Idee eines europäischen Netzwerks, in dem Projekte gemeinsam geplant, finanziert und produziert werden, aktuell noch unrealistisch. Kleinere Schritte müssten zunächst die Grundlagen schaffen, denn der Informationsaustausch kann auf vielen Ebenen erfolgen, auch schon bei den Künstler:innen. Ähnlich wie bei der Podiumsdiskussion rund um das Thema »Green Mobility« und dem Tourbus-Projekt ist ein Karten-basierter Ansatz denkbar.

Wichtig und in der etablierten Festival-Szene oft zu wenig beachtet ist die kreative Perspektive der Künstler:innen. Die thematische Anpassung ihrer Ideen und aktueller Projekte an die Wünsche der Kurator:innen darf nicht das Gros der Arbeit ausmachen. Vielmehr braucht es eine »Karte der Kreativität«, auf der der kreative Prozess jederzeit eingesehen werden kann.

table discussion
© Stefanie Kulisch

Periphery as a state of mind

mit Kamila Metwaly (MaerzMusik), Josten Myburgh (Audible Edge Festival), Ariel Wiliam Ora (Soy Division), Simon James Phillips (Composer/Musician and Artistic Director of SENSE for the Gwaertler Stiftung), Salomé Voegelin (Sound SIG Group), Moderation: Lydia Rilling (Donaueschinger Musiktage)

Aus unterschiedlichen Perspektiven und Ansätzen heraus berichtete dieses Panel über den Begriff der Peripherie. Natürlich geografisch, aber auch künstlerisch, politisch und die Repräsentanz betreffend.

  • Josten Myburgh kuratiert das Audible Edge Festival im australischen Perth. Weitab vom Schuss ist die Organisation von Konzerten hier nicht nur besonders teuer – auch die Szene ist klein. Ein großer Vorteil für die lokale DIY-Kultur, sagt Myburgh. Den Menschen vor Ort bleibe gar nichts anderes übrig, als zusammenzuarbeiten. Und das Festival sei mittlerweile profitabel.
  • Der indonesische, multidisziplinär arbeitende Künstler Ariel Wiliam Orah gab dieser Session mit einem Essay den Namen. Er selbst zog aus der Berliner Innenstadt in einen Außenbezirk, wendet den Begriff der Peripherie aber auf Netzwerke und Initiativen an. Die seien an der Peripherie durchaus gut aufgehoben. Denn ein Netzwerk, ein Projekt müsse nicht zwangsweise skalieren und wachsen, also von der Peripherie ins Zentrum streben, wo vermeintlich mehr Aufmerksamkeit erzeugt werden kann. Die dazu erforderliche Professionalität könne sehr langweilig sein.
  • Kamila Metwaly ist künstlerische Leiterin der MaerzMusik und betrachtet den Begriff aus künstlerischer und kuratorischer Perspektive. Für sie stellt sich die Frage, wie die Peripherie zum Zentrum passt, also das »Sperrige« zum »Akzeptierten« bei der Programmzusammenstellung. Ist diese Überlegung überhaupt relevant? Geht es bei der Kuration nicht generell darum, Perspektiven zu hinterfragen und Hierarchien zu verschieben?
  • Salomé Voegelin ist Künstlerin, Professorin für Sound am London College of Communication und in der SIG Group aktiv, in der politische, soziale, ökologische und feministische Perspektiven mittels Klang untersucht werden. Sie brachte das periphere Sehen bzw. den Seitenblick ins Spiel. Die Wahrnehmung der Unschärfe an den Rändern sei wichtig, auch in der Musik. Nur so ließen sich Zusammenhänge und Wirkungen erspüren.
  • Simon James Phillips ist Komponist und Musiker mit besonderem Interesse an transdisziplinären Methodologien des gemeinsamen Arbeitens. Bei der Schweizer Gwaertler Stiftung leitet er das kollaborative Forschungsprojekt SENSE, in dem die Förderkultur und -struktur der Stiftung kritisch hinterfragt wird. Bei der Fördervergabe wolle er den seiner Meinung nach immer noch wahrgenommenen Gegensatz zwischen Peripherie und Zentrum auflösen. Ein Ansatz sei für ihn dabei, die Begrifflichkeiten auszuhebeln. Pluralität ist die Klammer, mit der arbeitet.

In der Debatte wurde vor allem die Beziehung von kleinen Kollektiven und den Institutionen diskutiert. In Australien, so Myburgh, sei das Vertrauen in Institutionen während der Pandemie verloren gegangen. Lokale Initiativen würden seitdem eine Renaissance erleben. Voegelin berichtete aus Großbritannien, wo die Kulturförderung praktisch nicht mehr existiert. Das sei natürlich hochgradig prekär, gerade für die Akteur:innen perspektivisch aber auch befreiend. Und Orah fügte die Berliner Perspektive hinzu: Förderung sei keine verlässliche Konstante, wenn man sich auf den Prozess einlassen möchte. Mit vergleichsweise wenig Aufwand – Essen bei Events, Merchandising – ließe sich schon eine finanzielle Basis schaffen, um sich von Fördergeldern zumindest teilweise unabhängig zu machen.

panel discussion
© Stefanie Kulisch

Sounding Care – Sonic Practices of Care under Systemic Pressure

Anthea Caddy und Magda Mayas

Anthea Caddy und Magda Mayas stellten deren laufendes Forschungsprojekt mit dem Titel »Sounding Care« vor. Zu Beginn der Präsentation gaben sie eine kurze Einführung in das Projekt, bevor eine etwa 20-minütige Audioarbeit abgespielt wurde. Eine ausführlichere Diskussion des Projekts folgte im Anschluss.

»Sounding Care« ist seit rund eineinhalb Jahren in Entwicklung und entstand aus dem Eindruck heraus, nicht mehr frei sprechen zu können. Ausgangspunkt waren Erfahrungen von Zensur und Einschränkungen der Meinungsäußerung, die weltweit, aber insbesondere auch in Deutschland wahrgenommen werden. Vor diesem Hintergrund suchte das Projekt nach Wegen, Menschen sichtbar und hörbar zu machen und unterschiedliche Meinungen zu schützen und zu repräsentieren – insbesondere durch klangliche und künstlerische Mittel.

Zugleich knüpft das Projekt an zentrale Fragen an, die sich durch die Konferenz zogen, etwa zu Care und Community. Ausgehend von positiven wie auch negativen Erfahrungen stellten sich die Beteiligten grundlegende Fragen: Was bedeutet es tatsächlich, füreinander zu sorgen – insbesondere in Zeiten von Krise? Wie kann man füreinander da sein, wenn gesellschaftlicher, politischer oder emotionaler Druck von vielen Seiten wirkt? Und wie lassen sich unter diesen Bedingungen kreative Handlungsspielräume eröffnen?

Als praktische Umsetzung begann das Team, Menschen aus der Berliner Szene beziehungsweise aus mit ihr verbundenen Kontexten zu interviewen. Diese Gespräche bilden den Kern eines wachsenden Archivs, das fortlaufend erweitert wird. Ziel ist es, individuelle Stimmen, Erfahrungen und Perspektiven zu sammeln und hörbar zu machen und so eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Care, Gemeinschaft und Meinungsvielfalt zu ermöglichen.

Im Zentrum der Arbeit steht eine wachsende Sammlung von Interviews mit Kulturschaffenden, die in unterschiedlichen Kontexten und Räumen aufgenommen wurden. Die Beteiligten wurden eingeladen, drei bewusst offen formulierte Fragen zu beantworten:

  1. Wie klingt Care?
  2. Wie zeigt sich Care in deiner Praxis?
  3. Was wünschst du dir in Bezug auf Care?

Die Heterogenität der Aufnahmeorte und Klangqualitäten ist dabei kein Mangel, sondern integraler Bestandteil des Konzepts. Ergänzt werden die Stimmen durch instrumentale Klangmaterialien, die aus bestehenden Archiven der Künstlerinnen stammen oder eigens neu aufgenommen wurden. Klang wird hier nicht illustrativ eingesetzt, sondern als eigenständige sorgende Praxis des Hörens, die Räume öffnet, verdichtet oder auch irritiert.

Die Präsentationen basieren auf einer generativen Software, die Stimmen und Klänge immer wieder neu kombiniert. Entscheidungen darüber, welche Stimmen hörbar werden, werden bewusst teilweise dem System überlassen. Damit soll der Tendenz entgegengewirkt werden, dass sich – auch in demokratischen Settings – stets die lautesten Stimmen durchsetzen.

Die Künstlerinnen positionieren sich dabei nicht als externe Beobachterinnen, sondern als Teilnehmende innerhalb der untersuchten Community.

Die Diskussion im Anschluss zeigte, dass der Care-Begriff stark ambivalent und politisch aufgeladen ist. Mehrere Wortmeldungen beschrieben Care als Praxis des Vorsichtig-Seins bis hin zur Selbstzensur, geprägt von Angst und Vorbehalten öffentlich Stellung zu beziehen.

Zugleich wurde die Positionierung des Projekts kritisch reflektiert. Während einige die versammelten Stimmen als politisch einseitig und näher am Aktivismus als an Kunst verorteten, verteidigten andere diese Offenlegung einer klaren Haltung als zentral für künstlerische Forschung, die stets situiert und nicht neutral ist.

 

Tracing Presence on Land

Emilio Gordoa, Josten Myburgh, Sabine Vogel

In ihrem gemeinsamen Projekt nähern sich Myburgh (Australien – Saxofon), Gordoa (Mexiko – Percussion, Drums) und Sabine Vogel (Deutschland – Flöte, Elektronik) Umwelt und spezifischen Landschaften und musizieren vor Ort. Dabei trifft das Kompositorische auf die lokalen Gegebenheiten, die mit Field Recordings hörbar und dann verarbeitet werden. Was normalerweise weltweit – auf der Zugspitze oder im australischen Outback – entsteht, wird für »Time to Listen« in der Berliner Akademie der Künste reflektierend aufgeführt: eine dichte und packende Mischung aus prozessierten Bläsern, kontaktmikrofonierten Drums und ungewöhnlichen Flötensounds von visuell noch ungewöhnlicheren Instrumenten.

Die drei Musiker:innen reflektieren in ihrer gemeinsamen Praxis nicht nur über Heimat, Ursprung und Zugehörigkeit, sondern vielmehr darüber, wie aus diesen ganz unterschiedlichen Perspektiven Neues entstehen kann – immer in der Auseinandersetzung mit der Location. Denn die hat immer unterschiedliche Resonanzen, die nicht nur auf die Instrumente wirken, sondern auch umgekehrt: Die Instrumente sind Werkzeuge, um genauer und präziser zuzuhören.

group improvisation
© Stefanie Kulisch

Wie könnten offene Netzwerke der Zukunft aussehen? Zusammenfassung und Ausblick

Fanny Martin und Peter Brownell

Zum Abschluss der Konferenz kamen die Teilnehmenden nochmal ein letztes Mal zusammen, um über die vergangenen zwei Tage zu reflektieren und anhand dessen in die Zukunft zu blicken. Nach einer kurzen körperlichen Aufwärmung mit synchroner Atmung und Qigong-Übungen wurde die Gruppe dazu animiert, über interaktive Umfragen und Bewegungsübungen ihre Rolle innerhalb des Gruppen-Netzwerks zu visualisieren. In der finalen Phase reflektierten die Teilnehmenden über ihre Rolle in zukünftigen Netzwerken und teilten diese in Partnergesprächen. Schließlich diskutierten sie, was sie im nächsten »Time to Listen«-Jahr hören möchten, von kreativen, künstlerischen und kritischen Perspektiven bis hin zu inklusiven Formaten mit nicht-menschlichen Akteuren.

qi gong
© Stefanie Kulisch

Leitung: 
Lisa Benjes (field notes / inm) 
Julia Gerlach (Akademie der Künste)

 

Partner und küstlerischer Beirat:

Sophie Aumüller (Impuls neue Musik)
Tuuli Lindeberg (Musica nova Helsinki / Northern Connection)
Lydia Rilling (Donaueschinger Musiktage)
Tania Rubio (Acoustic Ecology Lab)


 Team: 
 Safia Azzouni (Akademie der Künste)
 Inka Baumgarte (field notes / inm) 
 Filip Bayer-Čech (field notes / inm) 
 Luise Langenhan (Akademie der Künste)

 

Nachbericht

Thaddeus Herrmann