Lobbying für die freie zeitgenössische Musikszene

Leitfaden für Akteur*innen, Ensembles und Initiativen im Bereich der freien zeitgenössischen Musikszene

12. Januar 2026 | Lena Krause

Lobbying
©field notes

Dieser Leitfaden informiert über die Grundlagen der Lobbyarbeit in der freien zeitgenössischen Musikszene auf Bundes-, Landes- und Kommunalpolitischer Ebene, bietet eine Orientierung im politischen System, und zeigt anhand praktischer Beispiele, wie erfolgreiche Interessenkommunikation funktionieren kann.

Inhalt

  1. Einleitung
  2. Orientierung im politischen System
  3. Methode: Stakeholder-Mapping
  4. Erfolgreiche Kommunikation
  5. Praktische Beispiele

 

1. Einleitung

Unter Lobbying versteht man den Prozess, eigene Interessen zu bündeln, zu artikulieren und strategisch nach außen zu kommunizieren. Für die freie zeitgenössische Musikszene heißt das, die eigenen Anliegen als Einzelperson, Organisation oder Unternehmen gegenüber Abgeordneten, Ministerien, Verwaltungen und Förderinstitutionen politisch wirksam zu vertreten.
 
Oft wird der Begriff „Lobbying“ negativ konnotiert, obwohl die Interessenvertretung nicht per se schlecht ist, sondern durchaus notwendig, um Strukturen zu verändern und Förderbedingungen zu verbessern. Entscheidend ist dabei die Transparenz (z.B. durch Transparenzregister oder den legislativen Fußabdruck).

 

2. Orientierung im politischen System 

In Deutschland ist Kulturpolitik sehr komplex strukturiert und kann auf den ersten Blick unübersichtlich und kompliziert wirken. Die Zuständigkeiten verteilen sich je nach Themenspektrum primär auf Länder und Kommunen und sekundär auch auf den Bund, die wiederum in eigene Ministerien, Ausschüssen, Gremien und Förderstrukturen unterteilt sind. 


Bundesebene:

Auf Bundesebene werden ordnungspolitische (z.B. Steuerpolitik, Künstlersozialkasse) und förderpolitische Entscheidungen getroffen, wenn ein nationales Interesse besteht. 

Zentrale Akteur*innen sind: 

  • Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM)
  • Fachpolitische Sprecher*innen für Kultur und Medien der Bundestagsfraktionen
  • Referent*innen und wissenschaftliche Mitarbeitende der Abgeordneten und in den Fachreferaten der Ministerien

In fraktionsübergreifenden Ausschüssen, wie dem Ausschuss für Kultur und Medien und dem Haushaltsausschuss, beraten Abgeordnete über kulturpolitische Themen. Innerhalb eines Ausschusses gibt es Themenverantwortliche, die für die jeweiligen Branchen, wie Musik, Darstellende Kunst oder Tanz zuständig sind.

In Fraktionen sind ebenfalls Arbeitsgruppen eingerichtet, in denen Fachpolitiker*innen zusammenkommen, um die fraktionsinternen Positionen zu erarbeiten. Diese Strukturen findet man meist auch auf Landes- und Kommunalebene. 
In Ministerien und Verwaltungen (z.B. dem Kulturministerium, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien) wird in Fachreferate unterteilt, in denen Referatsleiter*innen und Referent*innen zu verschiedenen Bereichen arbeiten.. In Deutschland hat sich mit der Kultur-Ministerkonferenz eine übergreifende Struktur entwickelt, in der  Minister*innen und Senator*innen für Kultur aus Bundes- und Landesebene regelmäßig zusammenkommen, um sich über kulturpolitische Anliegen auszutauschen. In dessen Arbeitsgruppen kommen ebenfalls Referent*innen in Austausch.

Praxis-Tipp: Viele der Mitarbeitenden (in Fraktionen, der Abgeordneten, in Ministerien, in Verwaltungen) sind oft über mehrere Legislaturperioden in denselben Themenfeldern tätig, Abgeordnete hingegen nicht - sie können abgewählt werden. Somit verfügen die Mitarbeitenden meist über mehr Fachwissen, haben ein breites Netzwerk und sind demzufolge eine zentrale Anlaufstelle für Lobbyarbeit. 

 

Landesebene: 

Die Bundesländer besitzen die kulturpolitische Hoheit – Kultur und Bildung liegen in ihrer Zuständigkeit. Sie entwickeln eigene Förderprogramme, Zuwendungsrichtlinien und gestalten die strukturellen Rahmenbedingungen. Jedes Bundesland verfügt über ein Kulturministerium (häufig in Verbindung mit Wissenschaft oder Bildung) sowie über Kultur- und Haushaltsausschüsse, die über Budgets und Programme entscheiden.

Zusatz: Die Kultur-Ministerkonferenz (Kultur-MK) dient dem regelmäßigen Austausch zwischen Vertreter*innen der Bundes- und Landesebene.

 

Kommunale Ebene:

Auf kommunaler Ebene sind es vor allem die städtischen Kulturverwaltungen, die über Fördermittel, Projektanträge und Räume entscheiden. Ihre Mitarbeitenden sind wichtige Ansprechpartner*innen für lokale Projekte. Kommunalpolitiker*innen sind in der Regel ehrenamtlich aktiv, sodass Verständnis und Geduld aufzubringen sind. 

 

Ansprechpartner*in finden – Beispiel Förderung

  1. Schritt: Definition des Anliegens
  2. Schritt: Zuständigkeit klären - Wer entscheidet über die Förderung?
  3. Schritt: Recherche

Dieser Schritt kann anfangs mühsam sein. Die Kontakte findet man in diesem Fall auf Websites des Bundestags, der Fraktionen und Ministerien; die Namen der Referent*innen auf Organisationsplänen der Ministerien.

Praxis-Tipp: Die E-Mail-Adressen folgen meist festen Mustern (z.B. vorname.nachname@bkm.bund.de)

 

3. Methode: Stakeholder-Mapping

Um die eigene Lobbyarbeit zielgerichtet anzugehen, ist es hilfreich entscheidende Personen und Institutionen aus dem großen Netzwerk herauszufiltern. Ein gutes Stakeholder-Mapping schafft dabei Überblick und setzt Prioritäten in der Kontaktaufnahme:

Die Anordnung erfolgt dabei in einem kartesischen Koordinatensystem auf dem:

  • Die Relevanz dieser Ansprechstelle auf das eigene Ziel (Y-Achse) und
  • Die Haltung zum eigenen Anliegen dieser Ansprechstelle (X-Achse) eingetragen werden. 

Vorteile des Stakeholder-Mapping:

Darstellung von: 

  • Schlüsselpersonen 
    z. B. Referent*innen für Musik in der BKM oder Kulturministerien
    In der linken oberen Ecke (hoher Einfluss, positive Haltung) stehen die wichtigsten Verbündeten: Hier lohnt sich persönliche Ansprache, Austausch und kontinuierlicher Kontakt.
     
  • potenzielle Gegner*innen
    z.B. haushaltspolitische Sprecher*innen mit anderen Prioritäten
    In der rechten oberen Ecke (hoher Einfluss, skeptische Haltung) sitzen oft Entscheidungsträger*innen, die überzeugt werden müssen – durch Fakten, konkrete Beispiele und klare Argumente. Durch sie können Gegenargumente vorbereitet werden, ein Gespräch sollte jedoch gut überlegt sein.  
     
  • Multiplikator*innen
    z. B. Journalist*innen, Netzwerke, Verbände
    Akteurinnen mit geringem Einfluss können wertvolle Unterstützer*innen im Hintergrund sein.

Praxis-Tipp: 
Musiker*innen und Ensembles können Stakeholder Mapping ebenfalls nutzen, um ihre Akquise erfolgreich aufzubauen. In der Regel haben sie künstlerische Profile oder Schwerpunkte, die in dem Fall ähnlich wie Interessen funktionieren. Es lohnt sich somit gelegentlich die Fragen: Wo würde ich gerne spielen? Wo sehen wir uns in 5 Jahren? Welche Kontakte könnten dafür gut sein? zu stellen. Die Stakeholder-Mapping-Methode hilft, eigene Netzwerke sichtbar zu machen und diese strategisch zu pflegen. 

In der Praxis wird es politische Kräfte geben, die schnell Unterstützung signalisieren und Zuspruch abgeben – es gilt die eigene Haltung nach außen zu tragen und einer vermeintlich schnellen Erreichung des Ziels durch Kooperation mit extremen Parteien zu widerstehen, auch wenn dadurch Dinge etwas länger brauchen könnten.

 

4. Erfolgreiche Kommunikation 

Kommunikationsformate: 

E-Mail oder Brief: 
Die erste Kontaktaufnahme erfolgt meist per E-Mail, gelegentlich lohnt sich auch noch ein klassischer Brief – z.B. an Minister*innen  oder Staatsbeauftragte 

Gespräch (Video, Telefon, vor Ort):
Im Gespräch können konkrete Forderungen offen und auf persönlicher Ebene kommuniziert werden. 

Website und Social Media:
Auf der eigenen Website bietet sich ein sogenanntes digitales Hauptstadtbüro an, eine Seite, auf der die kulturpolitischen Forderungen zu finden sind. Die Relevanz von Social Media ist unbestritten, gerade in politischer Kommunikation ist LinkedIn immer beliebter.

 

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit:

Pressemitteilungen und Statements sorgen für Sichtbarkeit. Insbesondere im Bereich der Musik sind Einladungen zu Konzerten gern gesehen, auch wenn die Mehrheit der Einladungen nicht angenommen wird. Doch auch zufällige Begegnungen auf Veranstaltungen und Konferenzen können helfen, eine engere Verbindung aufzubauen.

 

Ablauf eines Kommunikationsprozesses: 

Erste Kontaktaufnahme

  • Kurze E-Mail mit Anliegen und Bitte um Gespräch
  • Noch keine Forderungen, nur Themenbeschreibung.
  • Absender*in sollte idealerweise eine Person mit Funktion sein (z. B. Vorstandsmitglied, Geschäftsführerin)

Gesprächsvorbereitung

  • Ziel, Thema, Kernbotschaften festlegen
  • realistische Ziele setzen: Folgegespräch, ein Foto, Vereinbarung zu weiteren Schritten
  • Informationen über persönliche Anknüpfungspunkte mit Gesprächspartner*in einholen (z.B. Social Media, Wahlkreisbezug, Position innerhalb der Partei, Interessen)

Gespräch führen

  • Problem und seine Auswirkungen beschreiben.
  • Zuhören und Fragen stellen: Was sind die Hintergründe, Chancen, Risiken?
  • Gemeinsam nächste Schritte definieren
  • Voraussage, dass eine Zusammenfassung des Gesprächs im Anschluss per E-Mail zugesendet werden
  • Danksagung für Gespräch
  • Foto für Öffentlichkeitsarbeit (nach Absprache)

Praxis-Tipp: Gehe niemals aus einem Gespräch, ohne eine konkrete nächste Handlung festzulegen – selbst wenn es nur ein weiteres Telefonat ist.

 

Nachbereitung

  • Follow-Up (Zusammenfassung) mit weiteren Informationen und Festhalten der vereinbarten Schritte per E-Mail kommunizieren
  • Dank für das Gespräch ausdrücken
  • Verarbeitung des Gesprächs für die Öffentlichkeitsarbeit (nach Rücksprache mit Gesprächspartner*innen)
  • Vereinbarte Schritte zügig umsetzen

 

Argumentgestaltung:

Die aufgeführten Argumente müssen so konkret und nachvollziehbar wie möglich dargestellt werden, sodass auch „Fachfremde“ sie verstehen können. In der Kulturpolitik herrscht ein großer Fachkräftemangel, sodass Interessensvertreter*innen oft mehr Wissen als Politiker haben – es gilt diese Personen auf einer Ebene abzuholen, auf der sie folgen können. Greifbare Daten (regelmäßige Förderungsnachweise, Konzertanzahl, Programme, allgemeine Daten zur Szene, etc.) und aktuelle, wie persönliche Bezüge können dabei hilfreich sein. Besonders im Bereich Kunst und Kultur, der einen Mehrwert hat, der schwer messbar ist. 

 

Der Mensch hinter der Funktion

Ob Abgeordnete, Referent*innen oder Verwaltungsmitarbeitende – hinter jeder Position steht eine reale Person mit persönlicher Motivation, Herausforderungen und eigenen Interessen. Die Kulturbranche ist oft von Überlastung geprägt. Verständnis, Empathie und nachsichtige Kommunikation sind daher zentrale Erfolgsfaktoren. 

 

Der One- oder Two-Pager mit der PAUL-Methode:

Politische Entscheidungsträger*innen haben wenig Zeit, teilweise auch wenig Kenntnisse zu dem Thema, das besprochen werden soll, sodass lange Dokumente kaum vollständig gelesen werden können. Eine kompakte Übersicht des eigenen Anliegens auf ein bis zwei Seiten kann entscheidend sein. Bei der Erstellung dessen hilft die Strukturierung mit der PAUL-Methode: 

P         - Problem
A         - Auswirkung
U         - Ursache
L          - Lösung

 

5. Praktische Beispiele

Beispiel 1: Corona-Einreiseverordnung

  • P: Die Corona-Einreiseverordnung verhindert Aus- und Rückreise von Künstler*innen bei Engagements im Ausland, obwohl die Verordnung Reisen zur Berufsausübung gestattet.
  • A: Den Künstler*innen gehen Einnahmequellen verloren, obwohl im Ausland wieder mehr Konzerte möglich sind. Deren berufliche Existenz ist bedroht, wodurch der Staat stärker mit Hilfsmaßnahmen helfen muss.
  • U: Die Auslandsreise der Künstler*innen wird nicht als zwingend notwendige Maßnahme im Rahmen der Berufsausübung angesehen.
  • L:  Ausnahmeregelungen für beruflich Reisende Künstler*innen. (Bezug zu existierenden Ausnahmeregelungen für Sportler*innen)

Ergebnis: Nach acht Monaten wurde die Ausnahmeregelung für Küstler*innen aufgenommen. 

 

Beispiel: 2 Exzellente Orchesterlandschaft

  • P: Ein staatliches Förderprogramm adressierte offiziell nur staatlich getragene Orchester unter dem Titel „Exzellente Orchesterlandschaft“ mit 5,5 Millionen Euro. Freie Ensembles und Orchester wurden in den Antragsbedingungen nicht beachtet.
  • A: Das Narrativ einer „exzellenten Orchesterlandschaft“ umschließt damit lediglich staatlich getragene Klangkörper. Freie Orchester und Ensembles versuchten trotzdem ihr Glück, woraufhin einige gefördert wurden. Bei telefonischer Nachfrage gab es unterschiedliche Auskünfte.
  • U: Fehlendes Verständnis im Haushaltsausschuss über die Bedeutung freier Klangkörper.

  • L: Anpassen der Förderkriterien und Öffnung des Förderprogramms für freie Ensembles und Orchester. Erstellung einer tabellarischen Synopse mit Änderungsvorschlägen.

Ergebnis: Das Förderprogramm wurde auch für freie Ensembles und Orchester geöffnet. Der Anteil nicht staatlicher Klangkörper machte in der Gesamtzahl der Geförderten zeitweise mehr als die Hälfte aus.