Opposite Editorial: Marina Cyrino
field notes #47
24 April, 2026 | Marina Cyrino
24 April, 2026 | Marina Cyrino
Liebe Leser*innen,
Ailton Krenak, ein indigener Schriftsteller und Aktivist des Volkes der Krenak, ist für mich eine große Inspiration. Er versteht die Kunst als einen der letzten Zufluchtsorte menschlicher Großzügigkeit und als unverzichtbares Werkzeug zur Entwicklung von Gegenwelten durch die »Wiederaufforstung der Vorstellungskraft«. Er spricht sich gegen eine einzige, einheitliche Definition von »Mensch« aus. Damit stellt er das von westlichen Denkweisen auferlegte Narrativ der »Menschheit« in Frage und wirbt dafür, stattdessen plurihumanistische Zeichen, Sprachen und Ausdrucksformen heranzuziehen. In diesem Sinne könnte uns artenübergreifendes Denken ermöglichen, Kreativität neu als einen gemeinsamen relationalen Prozess zu begreifen, an dem eine Vielfalt von Lebewesen mitwirkt und zugleich homogene Definitionen des Menschseins in Frage stellt und öffnet. Auch die Künstlerin Naomi Rincón Gallardo inspiriert mich. Sie geht noch hinaus über die Solidarität zwischen den Arten und thematisiert die tiefe Verbundenheit und gegenseitige Abhängigkeit zwischen Lebewesen, Mineralien und technischen Entitäten: Gegenwelten, die sich dem Heteropatriarchat und den symbolischen Ordnungen des Kolonialismus widersetzen. Artenübergreifende Kreativität wird also nicht durch neoliberalen Innovationsjargon definiert oder durch neue Kunstprodukte. Sie definiert sich – frei nach Donna Haraway – dadurch, wie man so lebt und handelt, dass Militarismus und Ressourcenausbeutung überwunden werden, und wie man sich als Antwort auf eine Welt, die sich an kapitalistischem Wachstum und ähnlichen Modellen orientiert, gegenseitig unterstützt. Können wir durch artenübergreifende Kreativität herausfinden, was es bedeutet, für die anderen Sorge zu tragen? Andere Menschen, andere Insekten, andere Klangfarben, anderes Innen, andere ringsum, andere in der Ferne, andere. »Werden ist immer Mit-Werden,« sagt Haraway.
Im Sinne dieser Gedanken möchte ich alle Leser*innen einladen, die folgenden Veranstaltungen zu besuchen: »Sentimental Punk #80: Dream of Celluloid Flowers« am 11. und 12. Mai, Ute Wassermanns Konzertreihe »Sounding Ways of Being #2« am 17. Mai, »Firefly 2026 – Symbiotic Perspectives in Sound, Art, and Nature« am 25. Juli und den Workshop »Suarantau«, den Ariel Orah am 14. Juni im Rahmen der Reihe »Disquiet« gibt.
Marina Cyrino ist eine brasilianische Flötistin und Klangkünstlerin, die in Berlin lebt. Ihr Schaffen umfasst Improvisation, Komposition, selbstgebaute Instrumente, Performance-Installationen und multidisziplinäre Projekte. Sie hat an der Universität Göteborg im Fach Musikperformance und -interpretation promoviert und ist Mitglied des brasilianischen Labels für experimentelle Musik Seminal Records sowie des Kollektivs Time Emotion Studies e. V.