Hošek Contemporary in Seenot

Ein Interview mit Petr Hošek

18. November 2025 | Lisa Benjes

Hošek Contemporary
©Hošek Contemporary

Petr Hošek ist Gründer von Hošek Contemporary, Galerie und Performance-Space auf dem historischen Schiff MS Heimatland am Märkischen Ufer. Seit der Gründung 2016 hat sich der Ort zu einer wichtigen Spielstätten für experimentelle Musik, Performance und ortsspezifische Kunst entwickelt. Nun, da der Hafen plant, das Boot zu verkaufen, sucht Petr Hošek nach Wegen, diesen Ort für Musik und Kunst zu erhalten.

Lisa Benjes: Früher gab es angenehmere Gelegenheiten, dich auf deinem Boot zu besuchen: Konzerte, Ausstellungen und nette Begegnungen. Heute sind wir hier, um darüber zu sprechen, dass das Boot verkauft werden soll. Wie kam es dazu?

Petr Hošek: Wir mieten das Schiff seit nun acht Jahren vom Hafen. Momentan gibt es jedoch zwei Probleme, die die Zukunft des Schiffs ungewiss machen: Das erste betrifft den Liegeplatz des Bootes, der zum Historischen Hafen Berlin gehört. Der Hafen besitzt mehrere Boote in der Gegend, darunter auch der direkt neben uns liegende Kahn „Hans Wilhelm“, der gerade zu einem Museum umgebaut wird. Sobald es fertig ist, muss es direkt ans Ufer verlegt werden, um einen barrierefreien Zugang zu gewährleisten – genau an die Stelle, wo gerade unser Boot anliegt. Außerdem ist das Areal von mehreren Baustellen umgeben. Die Hafenbehörden versuchen nun, alle Schiffe bestmöglich zu positionieren. Unser Boot ist mit fast 60 Metern bei weitem das längste im Hafen. Die meisten anderen Schiffe sind nur 30 bis 40 Meter lang. Leider passt unser Schiff deshalb schlicht nicht in das Areal. Um sich damit nicht auseinandersetzen zu müssen, hat der Hafen letztlich beschlossen, es zu verkaufen.

 

Bedeutet das, dass dies eure letzte Saison am Märkischen Ufer sein wird?

Ja, so wurde es uns mitgeteilt. Wie ich den Hafen kenne, ist die Situation hier jedoch sehr dynamisch und es kann sich noch vieles ändern. In den letzten sieben Jahren hieß es immer wieder, dass unser aktueller Standort nur vorübergehend sei – und dennoch sind wir bis heute hier. Momentan sieht es so aus, als müssten wir den Ort bis Ende November räumen. Ob es tatsächlich so kommt, weiß niemand genau. Eines ist aber sicher: Früher oder später müssen wir einen neuen Standort finden, an dem wir unsere Arbeit fortsetzen können, ohne ständig in Unsicherheit zu leben, ob wir bleiben dürfen.

 

Was ist euer Plan, um das Schiff zu retten?

Zunächst muss ich einen alternativen Standort für das Boot finden. Derzeit konzentriere ich mich darauf, erst einmal einen Platz für den Winter zu sichern, wenn wir ohnehin geschlossen haben. Die Lage ist in diesem Zeitraum noch zweitrangig. Das kann in Brandenburg sein oder an der Oberhavel. Für die Saison von März bis November brauchen wir dann einen Standort, der gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist und idealerweise innerhalb des Berliner Rings liegt. Das wird schon schwieriger.

Um einen dauerhaften Platz zu finden, stehen wir in Kontakt mit verschiedenen potenziellen Partnern, darunter das Radialsystem und ein neues Bauprojekt namens Museumshafen. Das Radialsystem wäre besonders passend, da wir beide kulturelle Aktivitäten verfolgen. Hier stellt jedoch die Länge unseres Bootes ein Problem dar. Der Museumshafen ist ein Projekt von Investoren, Architekt*innen und Bootseigentümer*innen, die in der Gegend neben der Arena und dem Flutgraben einen Museumshafen schaffen wollen. Das Projekt befindet sich allerdings erst in der Planungsphase.

Um das Boot bewegen und unsere Aktivitäten fortsetzen zu können, müssen wir das Boot kaufen. Neben der Suche nach einem passenden Standort sind wir also auch intensiv mit der Mittelbeschaffung und der Suche nach Sponsor*innen beschäftigt.

 

Apropos Geld: Wie plant ihr, in den nächsten Wochen so viel Geld aufzubringen?

Der Hafen will das Schiff für 120.000 € verkaufen. Ich würde aber zwischen dem realen Wert des Schiffes und dem geforderten Preis unterscheiden. Was ist der tatsächliche Wert eines solchen Bootes? Eine schwierige Frage. Aber ein Schiff ohne Liegeplatz zu verkaufen, macht den aufgerufenen Preis eindeutig unrealistisch. Meiner Einschätzung nach ist ihr Hauptziel, das Boot aus dem Hafen zu bekommen. Wer das schafft, kann es kaufen. Ich gehe davon aus, dass der Preis dann flexibel ist. Sobald ich einen Alternativstandort finde, kann ich ein neues Angebot machen.

Das Geld, das wir in unserer Crowdfunding-Kampagne sammeln, basiert auf dem vom Hafen geforderten Preis, der Ende August 120.000 € betrug. Ich erwarte nicht, den vollen Betrag über die Kampagne zu erreichen, bin aber sehr dankbar für unsere starke Community – ein guter Anfang. Wenn wir uns mit dem Hafen beispielsweise auf 80.000 € einigen, könnte ich 10–15 % durch Crowdfunding aufbringen. Danach sehe ich zwei Optionen: Erstens, das Boot gemeinsam mit einem Partner kaufen. Dafür stehen wir in Kontakt mit einem portugiesischen Kunstverein, mit dem wir seit 2019 zusammenarbeiten. Die zweite Option wäre, die Spenden zu nutzen, um gemeinsam mit einem Partner ein kleines Darlehen aufzunehmen zu können.

 

Wenn es euch gelingt, das Boot zu kaufen und einen neuen Liegeplatz zu finden, welches Programm würde uns in der kommenden Saison erwarten?

Bisher haben wir drei Schwerpunkte: experimentelle Musik, Ausstellungen und Residenzen. Mit unserer Musikreihe »Improvised & Experimental«, die jeden Mittwoch mit meist zwei Sets stattfindet, wollen wir der Improvisations- und Echtzeit-Musikszene in Berlin Raum geben. Für Residenzen gibt es auf dem Schiff zwei kleine Wohnungen, sodass Künstler*innen aus dem Ausland kommen und während ihrer Projekte bei uns leben können. Wenn alles klappt, werden wir unsere Arbeit fortsetzen. Wir haben bereits drei Ausstellungsprojekte für nächstes Jahr geplant und viele Bewerbungen für die Reihe Improvised & Experimental erhalten.

 

Ein Boot bietet ganz andere räumliche und akustische Bedingungen als eine klassische Galerie oder ein Konzertsaal. Wie reagieren eure Projekte darauf?

Wir versuchen, mit dem Raum zu arbeiten, der sehr einzigartig und auf seine Art theatralisch ist. Das Boot hat eine lange Geschichte und interessante Akustik. Bei der Auswahl von Kunstprojekten ist das Thema Boot oder Meer nicht unbedingt unsere erste Wahl. Wir machen hauptsächlich ortsspezifische Projekte, die mit dem Raum arbeiten. Zum Beispiel die Gewinner des diesjährigen Hošek Contemporary Prize: Marque-Lin, xindi, die ein Projekt über die Dekolonisierung von Kautschuk entwickelten. Kautschuk wurde historisch aus der Natur ausgebeutet, was Vietnam und Südostasien zerstörte und unzählige Leben während der kolonialen Gewinnung kostete. Das Boot spielte eine Rolle beim Transport von Kautschuk, also passen Projekte wie dieses, die auf nicht ganz offensichtliche Weise mit dem Boot verbunden sind, gut in unser Programm.

 

Wie kamst du ursprünglich dazu, einen Kunstort in Berlin zu öffnen?

Nach meinem Masterabschluss in Kunstgeschichte und -theorie in Prag wollte ich nicht in Archiven oder im Denkmalschutz arbeiten. Viele andere Möglichkeiten sah ich dort nicht. Nach einer kuratorischen Residenz in New York beschloss ich 2014, nach Berlin zu ziehen. Damals suchte mein Nachbar, ein Architekt, nach einem Arbeitsraum, in dem er auch künstlerisch arbeiten konnte. Er stieß auf das Boot und wir entschieden, uns die Miete zu teilen. Ich richtete meine Galerie auf der einen Hälfte ein, er nutzte die andere als Studio. Als er sich zurückziehen musste, übernahm ich schließlich das ganze Boot und konnte die freigewordene Hälfte als Bühne und für Künstler*innenresidenzen nutzen.

 

Eine wichtige Frage zum Schluss: Was können Berliner*innen tun, um euch zu unterstützen?

Am wichtigsten ist es, die Nachricht zu verbreiten. Erzählt euren Freund*innen, eurer Familie, euren Mitbewohner*innen, Koleg*innen davon: Je mehr Menschen davon wissen, desto mehr Ideen kommen zusammen. Und dann kann man natürlich über unsere Crowdfunding-Kampagne spenden. Wenn viele Leute kleine Beträge spenden, kann es funktionieren. Ein Freund meinte, wenn jede*r, der*ie hier je aufgetreten oder ein Kunstprojekt gemacht hat, 20 Euro spenden würde, hätten wir schnell mehr als genug. Am glücklichsten wären wir aber, wenn wir in Berlin einen größeren Unterstützer finden würden, der bereit ist, einen größeren Betrag zu geben, um damit die Kunst und die Musikszene zu unterstützen.

Und jemand mit einem Liegeplatz sollte sich auch melden.

Ja, bitte! (lacht)

 

gofundme Spendenkampagne: 

Save the Boat - Keep Hošek Contemporary Afloat

https://www.gofundme.com/f/savetheboat-keephosekcontemporaryafloat

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