Lippenstiftradios und Schaltkreislabyrinthe

Neue Instrumente für neue Musik

27. Dezember 2025 | Lisa Nolte

Instrument aus Lippenstiften von  Ioana Vreme Moser
©Ioana Vreme Moser

»Musikinstrument« ist in der zeitgenössischen Musik ein dehnbarer Begriff. Erweiterungen und Manipulationen traditioneller Instrumente sind auf den Bühnen heutzutage genauso gängig wie komplette Neuentwicklungen. Saiten werden mit Alufolie und Büroklammern bestückt, um den Klang zu verfremden, die Mundstücke von Blasinstrumenten mit Gartenschläuchen ausgetauscht oder Effektgeräte hinzugezogen. Einige Musiker*innen bauen ihre Instrumente um, damit sie den Bedürfnissen der eigenen Aufführungspraxis entsprechen. So hat das »Innenklavier« der Pianistin Andrea Neumann zwar noch seinen ursprünglichen Resonanzboden, kommt aber ohne Tasten aus und ist dafür mit einem Mischpult ausgestattet. Viele Künstler*innen deuten aber auch Alltagsobjekte zu Instrumenten um, wie zum Beispiel Marisol Jiménez: Ihre selbstspielenden Konstruktionen aus Motoren, Lautsprechern, Rädern und einem bunten Sammelsurium an Spiralen, Trichtern, Metallschalen und mehr verwandelten unlängst beim Festival für Selbstgebaute Musik das Säälchen am Holzmarkt in ein skurriles Klangkabinett. In die Riege der Künstler*innen, die ihre eigenen Instrumente entwickeln, reihen sich auch Guido Henneböhl und Ioana Vreme Moser ein. field notes stellt die unterschiedlichen Ansätze der beiden vor.

Die Ateliergemeinschaft, in der Ioana Vreme Moser ihr Studio hat, ist einer dieser unvermuteten Freiräume, die sich noch hinter manchen Mauern im Herzen von Berlin verbergen. Eine Altbauwohnung im dritten Stock an einer vielbefahrenen Kreuzberger Straße. Im Flur wird man von einem Lager überdimensionaler Leinwände empfangen, daneben hängen Konzertplakate, hier und da sind provisorisch Zwischendecken eingezogen, eine Wohnküche lädt zum Verweilen ein. Und ganz am Ende der Wohnung liegt das asketisch leere Arbeitszimmer eines Literaten.

Öffnet man die Tür ganz vorne links, hat man eher den Eindruck, in einer Werkstatt gelandet zu sein. Es gibt eine Wand mit Werkzeugen, und auf einer großen Arbeitsfläche stehen unzählige kleine Metallzylinder. »Die sind für meine Installation beim CTM Festival«, erklärt Moser. Auf jeden der Zylinder kommt später eine eingefärbte Masse, die nach oben hin spitz zuläuft, und in der Spitze wird ein leitender Kern versteckt. Die Zylinder sehen dann aus wie Lippenstifte – oder wie Munition, je nach Blickwinkel der Betrachtenden. Der leitende Kern kann mit einer Antenne versehen und im Metallzylinder ein Miniaturlautsprecher versteckt werden, sodass die Assoziation eines Spionage-Gadgets nicht fernliegt. Die Idee hinter der Installation, die Moser hier entwickelt, kam ihr bei einer Recherche zur Young Ladies Radio League, einer Gruppe von Frauen, die sich ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Amateurfunkerinnen betätigten.

»Am Anfang meiner Arbeiten steht immer eine Geschichte, die ich erzählen will. Ich arbeite nicht auf einen bestimmten Klang hin. Es geht mir darum, den Objekten ihre Klänge zu entlocken, ihnen dabei aber ihr Eigenleben zu lassen. Sie sollen sich selbst spielen«, sagt Moser. Dabei sehe sie sich selbst eher als Bildhauerin denn als Komponistin. Mit der Verquickung unterschiedlicher Medien in ihren Arbeiten hat sie bereits mit Anfang 20 begonnen. »Ich komme vom Zeichnen. Maschinen und Notationssysteme haben mich in diesem Zusammenhang früh interessiert. Während des Studiums habe ich dann in Krakau bei Marek Chołoniewski viel über elektronische Klangerzeugung gelernt und gemerkt, dass mich die Entwicklung von Maschinen, die Klänge produzieren, besonders reizt.«

Heute zieht sich dieses Interesse wie ein roter Faden durch ihre Arbeit, ohne immer zwingender Bestandteil davon zu sein. »Ich habe mich eine Zeit lang sehr für Water Computing interessiert. Das war eine Computertechnologie, deren Prozesse auf Flüssigkeiten aufgebaut waren. Sie wurde aber bald vernachlässigt, weil sie zu langsam war. Ich finde, das hat etwas Poetisches.« Das Wechselspiel zwischen Damals und Heute, das Gedächtnis der verwendeten Objekte und die Frage, was die Vergangenheit für die Gegenwart bedeutet, spielen eine wichtige Rolle in Mosers Arbeit. Ihr Elternhaus sei voll gewesen von alten Dingen, die alle ihre eigene Geschichte in sich trugen. Die Materialien, die sie verwende, finde sie nicht selten auf Flohmärkten, bei eBay-Auktionen oder auf der Straße. So wie zum Beispiel die Kosmetika für das erste eigene Instrument, mit dem sie auftrat: ein Schminktisch, dessen Bestandteile sie mit elektronischen Präparationen zu Klangerzeugern machte.

Mineralien, Wasser und Luft: Das sind die Kategorien, in die Moser ihr Werk aufteilt. Mineralien wie diejenigen in der Lippenstiftmunition, Wasser wie die Flüssigkeit in den ausrangierten Computerelementen. Und Luft? Das soll die nächste Phase sein: »Ich langweile mich, wenn ich zu lang bei einem Thema bleibe. Im Moment interessiere ich mich für Kommunikationsprozesse, die auf Luft basieren, für Pneumatik, Oszillatoren und Pfeifen.«

Instrument von Guido Henneböhl, bestehend aus zwei großen Kästen, einer davon mit Schlagzeugbecken und Lautsprecher. Der andere besteht aus neun offenen elektronischen Installationen, hinter denen ein roter Kreis liegt.
Instrument von Guido Henneböhl
© Guido Henneböhl

Ein Interesse, das auch Guido Henneböhl teilt. Vor 20 Jahren, als er begann, an Instrumenten zu bauen, standen jedoch zunächst Synthesizer im Zentrum. Wie man die auseinandernimmt und manipuliert, hat sich der studierte Geisteswissenschaftler selbst angelesen und beigebracht. Mittlerweile hat er seine Entwicklungen auf die gesamte Bandbreite der analogen elektronischen Klangerzeugung ausgedehnt. Ganz am Anfang habe er auch am Computer Musik gemacht. »Aber ich habe schnell gemerkt, dass es mir wichtig ist, ein Instrument wirklich zu ›spielen‹«, so Henneböhl. Neben dem Klang, den ein Instrument erzeugt, denke er bei dessen Entwicklung darum auch immer mit, wie es aktiviert wird: welche Bewegungen die Musiker*innen dazu ausführen müssen oder – bei selbstspielenden Instrumenten – wie die Prozesse hinter der Klangerzeugung für die Betrachtenden sichtbar werden. Schaltkreise werden bei Henneböhl nicht versteckt. Die labyrinthischen Formen, die sie mitunter annehmen können, haben ihre ganz eigene Ästhetik. Mithilfe von Infrarotsensoren können Prozesse ohne Berührung wie von Zauberhand angeregt werden. Auch Licht spielt eine Rolle – ob als Signal oder mit eigenem Sound, wenn Plasmastrahlen zwischen den Bauelementen umherknistern. 

Neben Instrumenten für seine eigene Musik begleitet Henneböhl auch andere Künstler*innen bei der Entwicklung neuer Ideen. Den Musiker und Filmemacher Michael Vorfeld hat er zum Beispiel schon beim Bau von Lichtorgeln und Steuerungen unterstützt. Für die Komponistin Alwynne Pritchard hat er Sensoren angefertigt, die die Muskelspannung von Performenden in elektrische Impulse umwandeln. Wenn er selbst als Perfomer mit anderen Musiker*innen zusammenarbeite, wie im Duo Fatty Acid Land mit Jeremy Woodruff oder mit dem Schlagzeuger und Sänger Fritz Welch, gehe es ihm aber vor allem um die Entwicklung einer gemeinsamen Ästhetik und eines gemeinsamen Sounds. »Früher habe ich mich besonders dafür interessiert, wie sich schnelle Wechsel in komplexen Strukturen mit analogen Instrumenten umsetzen lassen«, erzählt Henneböhl. Dann kam Corona und das hat auch bei ihm das Tempo heruntergefahren. »Im Moment arbeite ich eher in Richtung Drone/Ambient. Ich gehe stärker in den Klang und möchte ihm Gelegenheit geben, sich auszubreiten.« Schaltpläne fertige er im Übrigen nicht an für seine Instrumente. »Das wäre mir zu bürokratisch. Außerdem geht es mir darum, die Elektronik an den Rand zu bringen, zum Beispiel Bauteile zu über- oder unterspannen oder Signale fehlzuleiten. Meine Konstruktionen haben oft keine lange Lebensdauer. Ich nutze ein Instrument solange, bis es nicht mehr repariert werden kann, und verwende die Teile, die noch funktionieren, für ein neues Projekt.«

Instrument von Guido Henneböhl
Instrument von Guido Henneböhl
© Laurén Kleist
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