Die Ateliergemeinschaft, in der Ioana Vreme Moser ihr Studio hat, ist einer dieser unvermuteten Freiräume, die sich noch hinter manchen Mauern im Herzen von Berlin verbergen. Eine Altbauwohnung im dritten Stock an einer vielbefahrenen Kreuzberger Straße. Im Flur wird man von einem Lager überdimensionaler Leinwände empfangen, daneben hängen Konzertplakate, hier und da sind provisorisch Zwischendecken eingezogen, eine Wohnküche lädt zum Verweilen ein. Und ganz am Ende der Wohnung liegt das asketisch leere Arbeitszimmer eines Literaten.
Öffnet man die Tür ganz vorne links, hat man eher den Eindruck, in einer Werkstatt gelandet zu sein. Es gibt eine Wand mit Werkzeugen, und auf einer großen Arbeitsfläche stehen unzählige kleine Metallzylinder. »Die sind für meine Installation beim CTM Festival«, erklärt Moser. Auf jeden der Zylinder kommt später eine eingefärbte Masse, die nach oben hin spitz zuläuft, und in der Spitze wird ein leitender Kern versteckt. Die Zylinder sehen dann aus wie Lippenstifte – oder wie Munition, je nach Blickwinkel der Betrachtenden. Der leitende Kern kann mit einer Antenne versehen und im Metallzylinder ein Miniaturlautsprecher versteckt werden, sodass die Assoziation eines Spionage-Gadgets nicht fernliegt. Die Idee hinter der Installation, die Moser hier entwickelt, kam ihr bei einer Recherche zur Young Ladies Radio League, einer Gruppe von Frauen, die sich ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Amateurfunkerinnen betätigten.
»Am Anfang meiner Arbeiten steht immer eine Geschichte, die ich erzählen will. Ich arbeite nicht auf einen bestimmten Klang hin. Es geht mir darum, den Objekten ihre Klänge zu entlocken, ihnen dabei aber ihr Eigenleben zu lassen. Sie sollen sich selbst spielen«, sagt Moser. Dabei sehe sie sich selbst eher als Bildhauerin denn als Komponistin. Mit der Verquickung unterschiedlicher Medien in ihren Arbeiten hat sie bereits mit Anfang 20 begonnen. »Ich komme vom Zeichnen. Maschinen und Notationssysteme haben mich in diesem Zusammenhang früh interessiert. Während des Studiums habe ich dann in Krakau bei Marek Chołoniewski viel über elektronische Klangerzeugung gelernt und gemerkt, dass mich die Entwicklung von Maschinen, die Klänge produzieren, besonders reizt.«
Heute zieht sich dieses Interesse wie ein roter Faden durch ihre Arbeit, ohne immer zwingender Bestandteil davon zu sein. »Ich habe mich eine Zeit lang sehr für Water Computing interessiert. Das war eine Computertechnologie, deren Prozesse auf Flüssigkeiten aufgebaut waren. Sie wurde aber bald vernachlässigt, weil sie zu langsam war. Ich finde, das hat etwas Poetisches.« Das Wechselspiel zwischen Damals und Heute, das Gedächtnis der verwendeten Objekte und die Frage, was die Vergangenheit für die Gegenwart bedeutet, spielen eine wichtige Rolle in Mosers Arbeit. Ihr Elternhaus sei voll gewesen von alten Dingen, die alle ihre eigene Geschichte in sich trugen. Die Materialien, die sie verwende, finde sie nicht selten auf Flohmärkten, bei eBay-Auktionen oder auf der Straße. So wie zum Beispiel die Kosmetika für das erste eigene Instrument, mit dem sie auftrat: ein Schminktisch, dessen Bestandteile sie mit elektronischen Präparationen zu Klangerzeugern machte.
Mineralien, Wasser und Luft: Das sind die Kategorien, in die Moser ihr Werk aufteilt. Mineralien wie diejenigen in der Lippenstiftmunition, Wasser wie die Flüssigkeit in den ausrangierten Computerelementen. Und Luft? Das soll die nächste Phase sein: »Ich langweile mich, wenn ich zu lang bei einem Thema bleibe. Im Moment interessiere ich mich für Kommunikationsprozesse, die auf Luft basieren, für Pneumatik, Oszillatoren und Pfeifen.«