Opposite Editorial: Irene Lehmann und Fabian Czolbe
field notes #46
27. Februar 2026 | Irene Lehmann und Fabian Czolbe
Liebe Leser*innen,
bewegt sich die Musik zum Theater, das Theater zur Musik, und rücken die beiden in den letzten Jahren noch näher zusammen, in immer neuen Genres von Installation zur intermedialen Musiktheaterperformance? Konzertinstallationen, Soundperformances oder musiktheatrale Arbeiten spielen die besonderen Stärken verschiedener sinnlicher Ebenen aus, um zu fragen: Was ist Theater, und was Musik? Anlauf nehmen sie mit der Verfransung der Künste in den 1960er-Jahren von Komposition bis Postmodern Dance und mit dem postdramatischen Theater. Doch wer würde da stehenbleiben? Die zeitgenössische Musik ist nicht nur ein Teil des hybriden Genres Musiktheater, sondern immer wieder auch Ausgangspunkt für dessen vielfältige Formate.
Mit unserem neu gegründeten Magazin für freies Musiktheater mf:fm versuchen wir neue Annäherungen an das Phänomen, indem wir verschiedene Blicke und Expertisen in Dialog bringen und das Kaleidoskop neu schütteln. Fasziniert suchen wir neue Wege, Musik und Theater, Praxis und Theorie, die ewig im Hierarchiestreit wie Laokoon mit der Schlange verbunden sind, in ein produktives Miteinander zu bringen. Die Bewegung der Musik »towards music theater«, die John Cage benannte, sehen wir als Offenlegung von Prozessen, die in improvisierten Momenten die Kreativität menschlichen Handelns sichtbar machen. Zentraler Ausgangspunkt vieler musiktheatraler Arbeiten ist die Verankerung des Musizierens als verkörperte Praxis auf der Bühne.
Die eigenständige Theatralität von Musik zeigt sich indessen auch im inszenierten Konzert, in der Echtzeitmusik oder musiktheatralen Soundperformances. Auf den Berliner Bühnen sind solche feinen theatralen Momente zum Beispiel bei »Sounding Ways of Being« von Ute Wassermann & Friends zu erleben. Wie die offene Form des Musiktheaters uns als Gesellschaft neue Wege weist, zeigt sich bei Wojtek Blecharz’ Verwandlung des Berliner Festspielhauses in einen hörenden pulsierenden Organismus im Rahmen von »I Am All Ears« bei der MaerzMusik oder wenn bei FrauVonDas »Peaces so Far« immer wieder der Dialog mit dem Publikum zu so bewegenden Themen wie dem Klimawandel Teil der Stücke werden.
Wir wünschen vielsinnliches Hören und multidimensionales Sehen!
Irene Lehmann & Fabian Czolbe
Fabian Czolbe ist Musikwissenschaftler, Irene Lehmann ist Theaterwissenschaftlerin und Dramaturgin. Seit November 2025 geben sie gemeinsam mf:fm – Magazin für freies Musiktheater heraus.