»Vielleicht haben Maschinen eine Persönlichkeit, weil wir sie vermenschlichen.«

Roundtable mit Erin Lee Hong, Ioana Vreme Moser und Hye Young Sin

30. April 2026 | Verena Hahn

Skulptur von Erin Lee Hong
©Erin Lee Hong

Wo verlaufen die Grenzen zwischen Natur und Technik, Intelligenz und Sprachmodell? Und ist es überhaupt sinnvoll, diese vermeintlichen Gegensätze voneinander zu trennen? Die Künstlerinnen Erin Lee Hong, Ioana Vreme Moser und Hye Young Sin konfrontieren in ihren multimedialen Arbeiten Technologien verschiedener Zeitalter mit unseren Konzepten von Natur und unseren Vorstellungen von dem, was das Menschsein ausmacht. Verena Hahn hat die drei zur Roundtable getroffen und mit ihnen über Strukturen von Persönlichkeiten, Gesteinsschichten und der Menschheitsgeschichte gesprochen.

Ihr alle teilt das Interesse am Erfinden und Bauen. Woher kommt dieses Interesse? Wie habt ihr das nötige Handwerk gelernt?

Erin Lee Hong: Ich stöbere gerne in anderen Werken und Büchern oder im Internet, um herauszufinden, wie zum Beispiel eine bestimmte Schaltung oder der Code eines Mini Computers wie dem Raspberry Pi funktioniert. Die andere Hälfte ist das Experimentieren: Wie steuere ich etwas an, wie klingt es dann? Reagieren die Instrumente anders als erwartet, wenn sich die Raumfrequenzen oder -resonanzen verändern? Die Ideen hinter meinen Erfindungen hängen auch mit meinem kulturellen Hintergrund zusammen, mit Vorstellungen von Verdrängung oder Resonanz.

Hye Young Sin: Bei mir ist das ganz ähnlich. Wenn ich Konzerte oder Ausstellungen besuche und etwas Interessantes entdecke, frage ich einfach die Künstler*innen. In der Regel berichten sie gern von ihren Erfahrungen, und auch ich erkläre gerne, womit ich arbeite oder wie ich etwas gebaut habe. Ich mag es, voneinander zu lernen.

Ioana Vreme Moser: In meinem Fall hat es viel mit der Kultur zu tun, aus der ich komme. Ich bin in einer ländlichen Gegend in Rumänien aufgewachsen, in der es überall improvisierte Maschinen gab. Maschinen waren eng mit dem Menschen ver bunden. Das hat mich schon sehr früh dazu motiviert zu lernen, wie man eigene Geräte baut. Teilweise habe ich mir das auch selbst beigebracht.

Was waren das für selbstgebaute Maschinen, die du in deiner Kindheit kennengelernt hast?

Moser: Da war zum Beispiel eine Art Waschmaschine aus einem runden Holzfass, das in einen Fluss gestellt wird. Die Kraft des Flusses wird so gelenkt, dass ein Strudel entsteht, der die Wäsche zum Schleudern bringt. Dieses Prinzip habe ich später in anderen Technologien wiedergefunden. Ich arbeite mit solchen Elementen, beispielsweise indem ich mithilfe von Strömungsmechanik Strudel erzeuge. Es war inspirierend, all diese Mechanismen zu sehen, mit denen natürliche Kräfte Bewegungen und Geräusche erzeugen.

Ioana Vreme Moser: Fluid Anatomy
© Ioana Vreme Moser

Eure Arbeiten laden das Publikum dazu ein, eine emotionale Beziehung zu den Technologien aufzubauen, die ihr verwendet. Erin, du hast zum Beispiel eine kleine Kreatur erschaffen, die aussieht wie ein flauschiges Tier und aus einem Mikrofonwindschutz besteht. Du bittest das Publikum, ihr einen Namen zu geben, der dann von einem in der Kreatur versteckten Raspberry Pi aufgezeichnet wird. Haben Maschinen eine Persönlichkeit?

Moser: Für mich ist das Konzept des Objektgedächtnisses entscheidend, weil ich Objekte als Werkzeuge menschlicher Interaktion betrachte. Sie verkörpern die Geschichte ihrer Handhabung durch uns. Computer wiederum gehören zu den Technologien, die aus dem Wunsch heraus entstanden sind, uns selbst und das uns umgebende Universum zu verstehen. Zum Beispiel das Astrolabium, eine Erfindung aus der chinesischen Himmelskartografie, oder die persische Wasseruhr. Das sind sozusagen die ersten Computer. Die haben sich im Laufe der Zeit zu diesen komplexen Maschinen entwickelt, die kaum wiederzuerkennen sind, weil sie ihren ursprünglichen Zweck, Werkzeuge zu sein, verloren haben. Ich versuche herauszufinden, wie ich diese Hardware-Teile einsetzen kann.

Hong: Vielleicht haben Maschinen einfach eine Persönlichkeit, weil wir sie vermenschlichen. Das funktioniert wie bei Vögeln: Wenn ich als Mensch Vögel sehe, denke ich von ihnen in meinen menschlichen Kategorien als »frei«. In diesem Sinne ist es interessant, sich vorzustellen, dass Maschinen eine Art Persönlichkeit haben.

Hye, du arbeitest in deinen Installationen mit kleinen Motoren, die an Pflanzen oder insektenähnliche Wesen erinnern. Haben die eine eigene Persönlichkeit?

Sin: Das Wort »Persönlichkeit« ist aus einer eher menschen zentrierten Logik heraus gedacht. Aber vielleicht haben sie bestimmte Eigenschaften. Während des Arbeitsprozesses habe ich jedoch wirklich das Gefühl, dass das Material so etwas wie Eigeninitiative besitzt und nicht nur ein passives Etwas ist.Ich kann das Verhalten der Objekte nicht vollständig kontrollieren. Diesen Aspekt versuche ich sichtbar zu machen, indem ich Situationen schaffe, in denen Objekte ihre eigenen Geräusche oder Bewegungen erzeugen können.

Viele Menschen unterscheiden zwischen »natürlich« und »künstlich« und messen beidem einen unterschiedlichen Wert bei. In welcher Beziehung stehen das Natürliche und das Künstliche in eurer Arbeit?

Moser: Ich würde diese Grenzen nicht scharf ziehen. Elektronische Klangquellen bestehen aus Mineralien, Keramik und anderen natürlichen Materialien, die jedoch miniaturisiert, verarbeitet und im Labor hergestellt werden. Viele meiner Arbeiten beschäftigen sich mit der Herkunft dieser Materialien: Was bedeutet es, nach einem Halbleiter zu schürfen? Oder einen Kristall zu züchten, aus dem ein Transistor wird?

Hong: Ich unterscheide in meiner Arbeit zwischen natürlich und künstlich, versuche aber immer, eine Brücke zwischen beidem zu schlagen. Ich sammle zum Beispiel organische Materialien und entlocke ihnen dann synthetisch wirkende Klänge – oder umgekehrt. Auch wenn ich einen Schallwandler verwende, versuche ich immer, auch natürliche Materialien wie Metall, Glas oder Kunststoff einzubeziehen. Die Harmonisierung dieser beiden Felder ist wirklich interessant. Ihre Unterschiede eröffnen viele Möglichkeiten.

Könnt ihr beschreiben, worin der Unterschied zwischen einem natürlichen und einem synthetischen Klang besteht?

Sin: In meiner Arbeit verwische ich bewusst die Grenze zwischen dem, was wir als natürlich oder synthetisch betrachten. Darum geht es auch in meiner Serie »Plastic Garden«. Die Arbeiten sind keine Nachahmung der Natur, sie sind ein Garten – ein Garten, der ausschließlich aus Objekten besteht. Ich habe das Gefühl, dass diese Objekte an irgendeinem Punkt in der Menschheitsgeschichte behaupten werden, sie seien die Natur. Sie haben ja bereits begonnen, die Oberhand zu gewinnen. Für den Ton der Serie habe ich mit BBC-Aufnahmen gearbeitet, zum Beispiel von Kuhglocken oder Papageien. Diese Klänge wurden alle von Menschen ausgewählt, aufgenommen und bearbeitet. Können wir sie dann noch als natürliche Geräusche bezeichnen? Ich habe da meine Zweifel.

Moser: Ich betrachte das Synthetische als etwas, das irgend wann wieder Teil der geologischen Erdschichten wird. All diese Dinge, die wir entwickeln und bauen – die Technologien, die Instrumente, unser Müll – beginnen sich anzuhäufen und werden dann Teil der Erdgeschichte. Wir werden nur eine Schicht unter vielen anderen sein. Wir werden verschwinden. Wie fragen uns: Was ist natürlich, was künstlich? Dabei besteht letztendlich alles aus der Erde. Und wenn alles zur Erde zurückkehrt, gibt es keine zusätzliche Materie. Aber wir als Menschen brauchen diese Art der Unterscheidung, damit wir uns von Maschinen abgrenzen können. Vielleicht ist das eine notwendige Unterscheidung, damit wir unsere geistige Gesundheit bewahren können.

Installation von Hye Young Sin
© Hye Young Sin

Man hat mitunter den Eindruck, dass der technologische Fort schritt schneller vorangeht, als wir darüber nachdenken können, was er für unser Leben bedeutet. Im wissenschaftlichen Kontext sprechen wir dann von den Grenzen der Forschung. Gibt es auch Grenzen für eure künstlerische Forschung?

Moser: Bei mir liegen die Grenzen nicht in der Technologie. Ich arbeite eh mit sehr alten Technologien. Sie unterliegt vielmehr konzeptionellen Grenzen, etwa wenn ich mir überlege, wie ich meine Arbeit im politischen Kontext positioniere. Ich muss immer darauf achten, dass ich Themen subtil anspreche.

Sin: Eine andere Grenze sind unsere Ressourcen – zum Beispiel Geld. In letzter Zeit habe ich viele Förderanträge geschrieben. Es gibt im Moment zahlreiche Ausschreibungen, die sich auf KI oder die Beziehung zwischen Natur, Technologie und Mensch beziehen. Die Ausschreibenden erwarten neue Ideen, scheinen aber oft schon ihre eigenen Antworten zu haben. Sie bieten offene Formate an, erlegen aber zugleich Einschränkungen auf. Ich kann mir vorstellen, dass viele Künstler*innen, mich eingeschlossen, ihre Ideen oder Visionen leicht anpassen, um den Ausschreibungskriterien zu entsprechen. Diese Art der Kunstförderung ist sehr frustrierend, besonders wenn die Ausschreibenden über breite Ressourcen wie Fördermittel, starke Institutionen oder Programme verfügen, aber eine sehr engstirnige und kurzsichtige Vision haben.

Erin und Hye, ihr kommt aus Südkorea, Ioana aus Rumänien. Ihr lebt aktuell alle in Deutschland. Der technologische Fortschritt verläuft in diesen Ländern auf sehr unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Tempo. Inwiefern unterscheiden sich eure Erfahrungen aus euren Heimatländern von denen hier in Deutschland?

Sin: Es ist alles ganz anders. Als ich vor zehn Jahren nach Deutschland gezogen bin, musste ich für die Ausländerbehörde alle Unterlagen ausdrucken und persönlich abgeben. Das war schon damals in Seoul kaum vorstellbar. Dort läuft alles digital und kann übers Handy erledigt werden. Heutzutage kann man in Deutschland zwar online einen Termin buchen, aber das reicht wirklich noch nicht aus.

Hong: In Korea führt der technologische Fortschritt aber auch zu einer Kluft zwischen den Generationen. Es ist schwer, Geschäfte zu finden, in denen die Kund*innen mit menschlichem Personal sprechen können. Alle Bestellungen werden von Maschinen entgegengenommen. Als ich einige Jahre in Deutsch land gelebt hatte und nur zu Besuch zurückkam, konnte ich spüren, wie schnell sich alles weiterentwickelt und verändert.

Moser: Rumänien war lange Zeit eine Diktatur. Dann fiel die Mauer, und seit dem Beitritt zur Europäischen Union befindet sich die Wirtschaft im Aufschwung. Das Land hat die schnellste Anbindung ans Internet europaweit. Es ist so etwas wie das Silicon Valley Europas, wo sich alle Hacker tummeln – wohl auch, weil es dort irgendwie an allem mangelt. Aufgrund dieses Mangels und der Zeit unter dem Ceausescu-Regime hat sich in Rumänien eine ausgeprägte DIY-Kultur entwickelt. Ich vermute, dass Armut kreativ macht, wenn es darum geht, mit dem, was man hat, das zu erreichen, was man braucht. Im digitalen Bereich ist das Land definitiv weiter entwickelt als Deutschland. Die Züge sind sehr alt, aber das Internet funktioniert. 

Viele Menschen sorgen sich heutzutage angesichts von KI um ihren Arbeitsplatz. Wie geht es euch damit?

Sin: Wir verändern uns ständig. Ich glaube, die KI kann da nicht ganz mithalten, denn selbst wir wissen nicht, wie und wohin wir uns entwickeln, in welche Richtung und in welchem Ausmaß. Niemand weiß das. Das bedeutet, dass auch die KI keine Ahnung hat.

Moser: Die Sprachmodelle, die uns derzeit zur Verfügung stehen, werden – wie viele unserer Technologien – in erster Linie für das Militär entwickelt. Außerdem sind sie extrem voreingenommen. Sie sind darauf ausgelegt, auf eine bestimmte Art und Weise zu denken. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man aus Sprachmodellen, die von denjenigen geschaffen wurden, die unsere gesellschaftlichen Probleme verursachen, kritische Ideen entwickeln soll. Die Kunst muss genau das hinterfragen.

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit NOIES – Zeitung für neue und experimentelle Musik in NRW entstanden.

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