Vokalakrobatik und lokale Umgangsformen

Die Sängerin Frauke Aulbert im Portrait

5. September 2025 | Fridolin Löschner

Frauke Aulbert
©Gerhard Kühne

Mit 18 Jahren fand die Sängerin Frauke Aulbert vergleichsweise spät zu ihrem Instrument. Dass sie heute zu einer der prägenden Vokalist*innen in der deutschen Musiklandschaft gehört, liegt nicht zuletzt an ihrer Lust am Experiment, ihrer Arbeit mit aktuellen gesellschaftlichen Themen und ihrer Neugier gegenüber neuen Gesangstechniken. Im September ist Frauke Aulbert mit ihrem neuen Musiktheatersolo »Voice Lab – Post Internet Dance Edition« im Acker Stadt Palast zu Gast.

Vom Beatboxen bis zum japanischen Kouta-Gesang — Frauke Aulbert interessiert vor allem eines, und das ist die Stimme. Im Gespräch merkt man es ganz deutlich: Aulbert liebt, was sie tut. Und das heißt, ganz frei mit Stimme umzugehen, auf der Bühne zu stehen, zu singen, zu performen. Dabei wird der Begriff »Sängerin« ihr nur zum Teil gerecht: Vielmehr ist sie Stimmkünstlerin, Komponistin und Kuratorin in einem. So vielfältig ist ihre künstlerische Arbeit, so umfangreich ihr Repertoire.

Frauke Aulbert – obwohl schon immer künstlerisch interessiert – kam erst als junge Erwachsene zur Musik und zum Gesang. Mit 18 Jahren nur bewandert mit einigen Gitarrenakkorden, findet die gebürtige Hamburgerin über einen engagierten Gesangslehrer zur klassischen Musik. Erst studiert sie Musikwissenschaft im Nebenfach und entscheidet sich dann für ein Gesangsstudium, das sie mit einer Diplomarbeit zum Thema Obertongesang abschließt.

Was zeichnet Aulberts künstlerische Arbeit heute aus? Auf diese Frage gibt es nicht die eine Antwort. Sie selbst sagt: »Neue Musik ist immer extrem unterschiedlich. Für mich ist die Musik nicht nur Klang, sondern eine ganze psychologische Welt.« Und das versucht sie erfahrbar zu machen, wenn sie auf der Bühne steht. Dort verbindet die Sopranistin unzählige Gesangstechniken miteinander und experimentiert mit den Grenzen und Möglichkeiten der eigenen Stimme. Theatrale, mediale und tänzerische Elemente sind ebenfalls Teil ihrer Performances. Ob mit Facebook-Posts, wie sie Aulbert in einem ihrer Musiktheaterstücke aus der Reihe »Voice Lab« verwendet, oder mit Kinderspielzeugen, die allerlei Geräusche von sich geben: Aulbert auf der Bühne ist eine Erfahrung, die alle Sinne beansprucht. Und genau diese Präsenz ist ihr besonders wichtig. Regelmäßig betont sie im Gespräch, nicht nur Klangfarben und -arten akustisch wiedergeben, sondern die Gesangstechniken möglichst in ihrer Ganzheitlichkeit darzustellen zu wollen – all das voneinander zu trennen, sei sowieso kaum möglich.

Um bestmöglich zu lernen, wie Stimme eingesetzt werden kann, hat es Aulbert schon in die verschiedensten Ecken dieser Welt verschlagen – eine nie endende Aus- und Weiterbildung. So hat sie sich in Kyoto mit dem Kouta-Gesang oder auch mit dem Kamigatamai-Tanz beschäftigt, hat sich mit bulgarischen Frauenchören befasst, oder setzt sich aktuell mit schwedischen Hirtengesängen auseinander. Dabei versucht Aulbert, die kulturellen Einflüsse, die in der jeweiligen Region zur Entstehung der Technik beigetragen haben, zu berücksichtigen und zu respektieren. »Lokale Umgangsformen, das Klima oder Sprachen wirken über die Körperlichkeit auch auf den Stimmsitz ein und der beeinflusst direkt die performativen Anteile meiner Interpretation«, so Aulbert. Dabei betont sie, keine Spezialistin für jede dieser Musiken zu sein. Die zu meistern könne oft viele Jahre oder ein ganzes Leben in Anspruch nehmen. Aulbert wandelt mit Bedacht auf dem schmalen Grat zwischen Authentizität und dem Bewusstsein ihrer selbst als Imitierenderin der Neuen Musik.

Gerhard Kühne
© Gerhard Kühne

Doch nicht nur um sich weiterzubilden reist Aulbert in die verschiedensten Länder. Auch Konzerte hat die Künstlerin schon rund um die Welt gespielt – von Brasilien über Senegal bis Australien. In Berlin war sie an Veranstaltungsorten wie der Deutschen Oper oder dem Berghain zu sehen. In letzterem spielte sie mit dem Hamburger Decoder Ensemble, zu dessen Gründer*innen sie zählt. Das Ensemble beschreibt sich selbst als einen der »originellsten und unerschrockensten Vertreter der internationalen Neuen-Musik-Szene«. Dabei mischt es experimentierfreudig Elektronikund akustische Instrumente, Musikgenres, sowie Digitalität und Realität.

Neben ihrem Schaffen auf der Bühne ist ein großer Anteil von Aulberts Arbeit kuratorischer Natur. In Hamburg gründete sie 2020 etwa das Festival für Immaterielle Kunst, zu dem sie Künstler*innen der Neuen Musik einlädt, die Performancekunst und Musik auf ganz individuelle Weisen verbinden. »Sie alle haben einen professionellen Hintergrund in einem der beiden Felder, sich das andere aber selbst angeeignet. Dadurch entsteht eine spannende Kombination aus Professionalität und DIY«, so Aulbert. Genau dieser experimentelle Zugang zur Neuen Musik ist bezeichnend für ihre eigenen Stücke.

Im September setzt Aulbert im Acker Stadt Palast ihre Reihe »Voice Lab« fort, diesmal mit dem Untertitel »Post Internet Dance Edition«. Mit dieser Serie von Musiktheaterstücken hat Aulbert sich einen Raum geschaffen, in dem sie frei mit der Stimme umgehen und kulturelle, digitale oder andere Einflüsse darauf erforschen kann – ein »Stimmlabor« eben. Die »Voice Lab – Post Internet Dance Edition« ist eine performative Auseinandersetzung mit der Digitalität und dem Internet und untersucht spielerisch den Einfluss unseres Internetkonsums. Die Künstlerin beschäftigt die Frage, wie das Digitale ins »normale Leben rüberschwappt« und welches kreative Potential sich darin vielleicht verbirgt. Das Stück empfiehlt sie für alle, die zu viel im Internet konsumieren und wissen wollen, was sich daraus vielleicht für Möglichkeiten ergeben. »Es wird ein abwechslungsreicher Abend mit viel Vokalakrobatik, mit einigen lustigen, einigen schönen Momenten – und auch einigen Momenten der Neuen Musik«, fügt sie lachend hinzu.


»Voice Lab – Post Internet Dance Edition« im Monat der zeitgenössischen Musik

Sa., 20.09.2025, 19:30 Uhr | Acker Stadt Palast

So., 21.09.2025, 18:00 Uhr | Acker Stadt Palast

Über Fridolin Löschner

Fridolin Löschner hat 2024 an der Schreibwerkstatt von field notes, KlangZeitOrt und Positionen teilgenommen und ist in diesem Jahr Mitglied der Nachwuchsredaktion des Monats der zeitgenössischen Musik. Löschner ist nichtbinäre*r Autor*in und studiert Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Neben der Performancekunst interessiert sich Löschner vor allem für Queerness und politische Themen und widmet sich diesen mal journalistisch, mal akademisch und mal künstlerisch.

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