Was ist ein freies Ensemble?

Acht Fakten

28. August 2026 | Lena Krause

Statistik zur Frage »Wie finanzierte sich Ihr Ensemble im Jahr 2022?« aus der FREO-Grundlagenstudie »Freie Ensembles und Orchester in Deutschland – Charakteristika einer vielfältigen Landschaft« – Antworten: Künstlerische Projektförderung 84,1%, Institutionelle Förderung 11,9%, Strukturförderung 11,4%, Wirtschaftsförderung 2,1%
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Seit 2014 listet die UNESCO die deutsche Orchesterlandschaft als immaterielles Kulturerbe. Einen wesentlichen Anteil an dieser einzigartigen Stellung haben die freien Ensembles und Orchester, die seit Jahrzehnten (eigentlich sogar seit Jahrhunderten) das Musikleben in Deutschland und im internationalen Raum prägen. Und dennoch wissen noch immer wenige, was das eigentlich ist: ein »freies Ensemble«. Woran das liegt, warum die freien Ensembles so wichtig sind für die Musiklandschaft und was wir sonst noch wissen sollten über diese ganz besondere Art von Klangkörper, beantwortet Lena Krause, Geschäftsführerin des Interessenverbands FREO – Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V.. Für field notes hat sie acht Fakten zusammengetragen rund um das Wirken und die Bedeutung freier Ensembles und die Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen.

1.
Entstehung: Freie Ensembles werden von Musiker*innen gegründet

Freie Ensembles entstehen IMMER aus der Initiative von Musiker*innen heraus. Mir ist jedenfalls kein Fall bekannt, in dem es anders war bzw. in dem die Idee von Musiker*innen nicht wenigstens die entscheidende Rolle in der Entstehung eines freien Ensembles gespielt hätte. Häufig kennen sich die Gründungsmitglieder beispielsweise aus dem Studium, aus gemeinsamen Orchesterprojekten oder Meisterkursen. Und irgendwann gibt es dann den Punkt, an dem diese Musiker*innen künstlerische Ideen und Anliegen haben, für deren Umsetzung sie eine flexible Struktur brauchen. Genau diese Flexibilität bietet ein freies Ensemble. Außerdem: Wenn Musiker*innen eine spezifische musikalische Richtung verfolgen wollen, wie zum Beispiel historisch informierte Aufführungspraxis, dann geht das in der Regel nur in einem freien Ensemble, da andere Strukturen diese Fokussierung nicht bieten.

Statistik zur Frage »In welchem Bundesland hat Ihr Ensemble den Geschäftssitz?« aus der FREO-Grundlagenstudie »Freie Ensembles und Orchester in Deutschland – Charakteristika einer vielfältigen Landschaft« – Antworten: Die meisten haben ihren Geschäftssitz in Berlin (19,3%), die wenigsten in Mecklenburg-Vorpommern
Statistik zur Frage »In welchem Bundesland hat Ihr Ensemble den Geschäftssitz?« aus der FREO-Grundlagenstudie »Freie Ensembles und Orchester in Deutschland – Charakteristika einer vielfältigen Landschaft«
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2.
Professionalität: Freie Ensembles sind Profi-Ensembles (oder anders gesagt: freie Ensembles sind keine Amateur- oder Laienmusikgruppen)

»Und was machen Sie hauptberuflich?«, ist eine Frage, die Musiker*innen eines freien Ensembles auch heute immer noch gestellt bekommen. Wer nicht in einem Staatsorchester spielt, sondern in einem freien Ensemble, muss einfach Laienmusiker*in sein und hat es nicht geschafft. Falsch. Freie Ensembles gehören zum professionellen Musikleben. In ihnen spielen hochqualifizierte Musiker*innen, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen – genauso wie im Staatsorchester. Es ist sehr wichtig, dass man sich das bewusst macht. Denn sonst werden freie Ensembles in den Bereich der Amateurmusik einsortiert, rasseln beispielsweise bei Förderprogrammen durch die Raster oder werden schlicht vergessen.

3.
Selbstständigkeit und Trägerschaft: Die Musiker*innen in einem freien Ensemble sind nicht angestellt. Ihnen gehört der Laden.

Apropos staatlich getragene Orchester. Die Spezifika von freien Ensembles lassen sich auch im Vergleich zu anderen Organisationen sehr gut beschreiben. Ein freies Ensemble hat eine private Trägerschaft. Und diese Trägerschaft sind die Musiker*innen selbst, die zum Beispiel Gesellschafter*innen einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) oder einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) sind. Die Musiker*innen sind also nicht angestellt, sondern selbstständig. Ihnen gehört ihr Laden. Bei einem staatlich getragenen Orchester ist das anders: Trägerin ist die öffentliche Hand (zum Beispiel ein Bundesland oder eine Kommune) und die Musiker*innen in einem Staatsorchester sind angestellt. Der Laden gehört nicht den Musiker*innen.

Statistik zur Frage »Wie treffen Sie künstlerische und formale/geschäftsführende Entscheidungen in Ihrem Ensemble?« aus der FREO-Grundlagenstudie
Statistik zur Frage »Wie treffen Sie künstlerische und formale/geschäftsführende Entscheidungen in Ihrem Ensemble?« aus der FREO-Grundlagenstudie (1 = alle Befragten, 2 = Ensembles bis vier Musiker*innen, 3 = Ensembles ab fünf Musiker*innen)
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4.
Basisdemokratie: In freien Ensembles entscheiden die Musiker*innen gemeinschaftlich

In freien Ensembles herrscht eine besondere Entscheidungs- und Arbeitsstruktur. Das hat auch viel mit der Gründung zu tun. Denn dort, wo sich Musiker*innen entscheiden, gemeinsam ein Ensemble zu gründen, entsteht auch eine andere Motivation, wenn es um den Aufbau des Ensembles und die Gestaltung der Arbeit aus künstlerischer und struktureller Sicht geht. Um es auf den Punkt zu bringen: die Musiker*innen entscheiden in ihrem Ensemble. Und zwar in der Regel gemeinschaftlich und in Strukturen, die von basisdemokratischen Ideen geprägt sind. Das kann ganz unterschiedliche Ausprägungen annehmen: regelmäßige Treffen aller Mitglieder (monatlich bis halbjährlich), interne Gremien und Arbeitsgruppen (z.B. Programmvorstände für die künstlerische Planung), befristete Mandate wie z.B. gewählte künstlerische Leitungen oder Geschäftsführungen. So baut sich jedes Ensemble seine eigene Struktur, in der alle, die wollen, mitwirken können und in der basisdemokratischer Anspruch, personenbezogene Entscheidungskompetenzen sowie die Anforderungen des sehr schnelllebigen Musik-Business miteinander verbunden werden.

Statistik zur Frage »Wie finanzierte sich Ihr Ensemble im Jahr 2022?« aus der FREO-Grundlagenstudie »Freie Ensembles und Orchester in Deutschland – Charakteristika einer vielfältigen Landschaft« – Antwort: 86,5% aus Förderungen, 82,8% aus Gagen, 46,9% aus Ticketverkäufen, 42,4% aus Spenden, 18,2% aus Sponsorings, 6,5% aus anderen Quellen
Statistik zur Frage »Wie finanzierte sich Ihr Ensemble im Jahr 2022?« aus der FREO-Grundlagenstudie
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5.
Finanzierung: Freie Ensembles finanzieren sich aus einem Mix aus Gagen, Förderungen und weiteren Einnahmen

Und wer zahlt das alles? Freie Ensembles finanzieren sich aus einem komplexen Mix aus Gagen für Gastspiel-Engagements, Förderungen der öffentlichen und privaten Hand und weiteren Einnahmen (z.B. Ticketverkäufe bei eigenen Veranstaltungen). Die laufende Finanzierung ist dabei die größte Herausforderung eines freien Ensembles, weil es kaum Kontinuität und kaum Sicherheit gibt. Das liegt auch an unserer Förderpolitik. Freie Ensembles gehören zur Freien Szene und die wird primär in Form von Projektförderungen gefördert. Das heißt: ein einzelnes, zeitlich abgegrenztes, künstlerisches Vorhaben wird gefördert. Strukturen, langfristige Arbeit und organisatorische Ausgaben fallen hier durchs Raster. Ein Grund dafür ist ein Missverständnis – mehr dazu in Fakt sechs:

6. 
Langfristigkeit und Stammbesetzung: Freie Ensembles arbeiten langfristig und in gleichbleibenden Strukturen

Die Vorstellung, dass es sich bei freien Ensembles um lose Zusammenschlüsse handelt, die sich mal für ein Projekt treffen, dann wieder auseinandergehen und sich dann drei Jahre später wieder treffen, aber mit völlig anderen Musiker*innen, ist ein Missverständnis, das sich hartnäckig hält. Freie Ensembles sind keine losen Zusammenschlüsse. Sie haben eine Stammbesetzung – Musiker*innen, die sich zum Beispiel als Gesellschafter*innen, langfristig an ihr Ensemble binden und ihr Ensemble ausmachen. Diese Stammbesetzungen sind auf Kontinuität angelegt. Natürlich verändern sich die Ensembles über die Jahre, aber sie funktionieren nicht wie beliebig wechselnde Projektgruppen. Das ist vielen nicht bewusst. Und das ist gerade mit Blick auf die Gestaltung förderpolitischer Rahmenbedingungen ein Problem. Denn langfristige Strukturen brauchen langfristige Finanzierungsmöglichkeiten. Und damit kommen wir zu Fakt sieben:

7.
Risiko: Freie Ensembles haben kaum Schutzschirme – und das Risiko tragen die Musiker*innen

Sie ahnen es vielleicht. Private Trägerschaft, selbstständige Musiker*innen, schwierige Finanzierungssituation. Das wirtschaftliche Risiko, unter dem freie Ensembles arbeiten, ist leider sehr hoch. Das ist doppelt schwierig, denn aufgrund der privaten Trägerstruktur tragen die Musiker*innen das volle wirtschaftliche Risiko. Die Ambivalenz zwischen großem künstlerischem Erfolg auf der einen und fehlender Existenzsicherung auf der anderen Seite begleitet freie Ensembles damit ständig.

Statistik zur Frage »In welchen Bereichen arbeitet Ihr Ensemble?« aus der FREO-Grundlagenstudie »Freie Ensembles und Orchester in Deutschland – Charakteristika einer vielfältigen Landschaft« – Antworten in Reihenfolge der Häufigkeit: Spielen bestehender Werke, Entwicklung neuer Konzertformate und Werke, Auftragskompositionen, Zusammenarbeit mit anderen Kunstsparten, Musikvermittlung, Entwicklung neuer Ästhetiken, Improvisation
Statistik zur Frage »In welchen Bereichen arbeitet Ihr Ensemble?« aus der FREO-Grundlagenstudie
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8.
Vielfalt: Freie Ensembles gibt es in allen Genres und Größen

Wir wollen aber positiv enden. Denn die Vielfalt der freien Ensemblelandschaft sucht ihresgleichen. Freie Ensembles gibt es in allen Größen, in allen Genres, in allen Generationen. Sie gestalten das Musikleben der Gegenwart und der Zukunft. Ihre Arbeit steht für künstlerische Innovationskraft, strukturellen und unternehmerischen Mut sowie gesellschaftliche Reflexion. In agilen Strukturen schaffen sie neue Modelle kollektiver Verantwortung, in denen Musiker*innen künstlerische, unternehmerische und strategische Führung gemeinsam gestalten. Damit stehen sie für die lebendige Praxis einer vielfältigen, sich stetig erneuernden Musikkultur. Sie setzen Impulse, erweitern das Repertoire, pflegen Traditionen, hinterfragen die Aufführungspraxis, entwickeln Konzertformate und machen die musikalischen Traditionen unserer pluralen Gesellschaft sichtbar.

Allein im Stadtstaat Berlin haben sich laut FREO-Grundlagenstudie 85 freie Ensembles niedergelassen – mit großer Wahrscheinlichkeit liegt die Zahl sogar noch viel höher, da freie Ensembles aufgrund ihrer eben beschriebenen Strukturen viel schwieriger zu fassen sind als andere Organisationen. Auch sie machen Berlin zu dem, was es ist (und hoffentlich bleibt): Sie sorgen für ein vielfältiges Angebot im Berliner Musikleben – für das Publikum genauso wie als Auftraggeber für professionelle Musikschaffende. Sie sind im experimentellen Musiktheater, in der zeitgenössischen Musik, in der transtraditionellen Musik, in der improvisierten Musik, in der Alten Musik, im klassisch-romantischen Repertoire, im Jazz und in vielen weiteren musikalischen »Richtungen« unterwegs, die sich gar nicht so ohne Weiteres mit einem einzigen Label beschreiben lassen.

Für diese Vielfalt lohnt es sich zu kämpfen und zu arbeiten. Und wenn sich zu der Frage »Was ist ein freies Ensemble?« die Folgefrage »Wofür brauchen wir denn freie Ensembles?« gesellt, dann schlage ich vor, dass wir an all diese Richtungen denken, in denen es vor allem die freien Ensembles sind, die für ein abwechslungsreiches Angebot sorgen.

Diese Faktenliste könnte noch um dutzende weitere Punkte ergänzt werden. Ohne freie Ensembles wäre unsere Musiklandschaft weniger vielfältig, mutig und experimentell – und unterschiedliche Perspektiven und musikalische Traditionen würden nicht ausreichend Sichtbarkeit bekommen. Dafür brauchen wir freie Ensembles. Und dafür braucht es Wissen um die Strukturen und Spezifika freier Ensembles. Ich würde mich freuen, wenn diese acht Fakten Ihnen ein besseres Verständnis des Modells »freies Ensemble« geben konnten. Und noch mehr würde ich mich freuen, wenn Sie diese Fakten mit uns gemeinsam in die Welt hinaustragen! Damit mehr Menschen wissen, was Sie jetzt wissen. Und damit die freie Ensembleszene gesehen, gehört und geschützt wird.

Portrait photo of Lena Krause by Leonore Köhler
Lena Krause
© Leonore Köhler

Über FREO

FREO – Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V. hat sich vor 10 Jahren gegründet als Netzwerk und politisches Sprachrohr der freien Ensembles und Orchester in Deutschland, um mehr Sichtbarkeit für das Modell »freies Ensemble« zu generieren und die Bedarfe der Szene zu bündeln. In dieser Rolle vermittelt FREO unter anderem Wissen darüber, wie freie Ensembles und Orchester arbeiten, was sie ausmacht, welche Herausforderungen sie tagtäglich begleiten und welches Potenzial sie für die Musiklandschaft und Gesellschaft mitbringen.

  • Feature
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  • field notes 48

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