Die Listening Biennial findet an einer Vielzahl von Orten statt, die zum Teil weit voneinander entfernt liegen. Gibt es einen Gedanken, der sich bei den verschiedenen Ausgaben durch die Veranstaltungen dieser Orte zieht und sie miteinander verbindet?
LB: Wir bieten einen konzeptionellen Rahmen, in diesem Jahr das Motto »Third Listening«. Meistens reagieren die Künstler*innen und Institutionen auf diesen von uns vorgeschlagenen Rahmen. Zugleich interessiert mich, wenn jemand zu uns kommt und unsere Aktivitäten davon unabhängig für sich selbst als sinnvoll erachtet. Dann bin ich immer offen für ein Gespräch. Heutzutage scheint das Thema Listening für viele Menschen eine besondere Dringlichkeit zu haben. Es zirkuliert in einer ganzen Reihe von kulturellen und sozialen Kontexten. In diesem Zusammenhang kann die Biennale als transkulturelle Heimat fungieren.
Was ist diese dritte Art des Zuhörens? Und in welcher Beziehung steht sie zum Lauschen auf das »Summen der funkelnden Sterne«, zu dem du in der Einleitung zur diesjährigen Ausgabe aufrufst?
LB: Die Idee des Third Listening entstand im Rahmen unserer Recherchen. Ein Teil davon ging aus theoretischen und klinischen Arbeiten im Kontext der Psychoanalyse hervor, in denen eine Reihe von Autor*innen – insbesondere Jessica Benjamin – Ideen über das »Dritte« als relationales Modell der Intersubjektivität entwickelt haben. Dabei geht es unter anderem darum, wie wir gemeinsam Konflikte und Traumata bewältigen und Wege zur Heilung, Genesung und Wiederherstellung finden können. Auch die gegenseitige Anerkennung, durch die wir einander als Partner*innen in einem Prozess verstehen, statt davon auszugehen, dass eine Person mehr Wissen hat als die andere oder Autorität über andere ausübt, spielt eine Rolle. Benjamins Schriften waren sehr einflussreich, was die Konzeption eines Wir-Gefühls und dessen tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben des Einzelnen angeht.
Von dort aus haben wir uns Projekten und Arbeiten zu Umwelt und Ökologie zugewandt, die versuchen, die menschliche und die »mehr-als-menschliche« Welt zusammenzubringen, um das zu schaffen, was Gilles Clément als »dritte Landschaft« bezeichnet. Gemeint ist damit eine Landschaft, die die Biodiversität fördert und die Verbindung zwischen Menschen und dem Mehr-als-Menschlichen. Ausgehend von diesen Bezugspunkten kamen wir zu dem Schluss, dass es hilfreich sein könnte, eine Art »Third Listening« zu entwickeln, die die Annäherung an andere und die Suche nach einem gemeinsamen Zwischenraum ermöglicht.
Kannst du ein Beispiel dafür nennen, wie sich dieser Ansatz des »dritten Zuhörens« in den Veranstaltungen in Berlin widerspiegeln wird?
LB: Im Laufe des letzten Jahres haben wir bei Künstler*innen aus aller Welt Klangarbeiten in Auftrag gegeben, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Die Künstler*innen haben sich auf unterschiedliche Weise damit beschäftigt. Einige von ihnen, die sich intensiv mit Umweltpraktiken oder Feldaufnahmen und Klanglandschaften befassen, suchen nach neuen Wegen, sich in Bezug auf das, was sie aufnehmen, zu positionieren. Statt als unsichtbare Dokumentarist*innen die Geräusche einer Umgebung aufzunehmen, suchen sie nach Möglichkeiten, mit der Umgebung zu interagieren, sich daran zu beteiligen und mit ihr in Dialog zu treten. Dieser relationale Ansatz steht im Einklang mit den von uns untersuchten Vorstellungen des »Dritten« und führt zu einer spannenden Bandbreite an Klangkunstwerken.
Eines der Werke stammt von Elena Lucca, einer Künstlerin und Umweltschützerin aus Argentinien. In Zusammenarbeit mit ihrer Schwester Kozana Lucca hat sie maßgeblich zur Entwicklung poetischer Forschungen mit Stimm- und Bewegungstechniken beigetragen, die den Körper als Teil der Natur begreifen. Obwohl Lucca normalerweise nicht unbedingt mit Klang arbeitet, hat sie ein wunderschönes, sehr informelles Hörstück geschaffen, in dem sie mit ihrer Umgebung vokalisiert oder poetisiert.
Andere beschäftigen sich mit gesellschaftspolitischen Themen in unterschiedlichen Kontexten. So gibt es beispielsweise eine ganze Reihe von Künstler*innen vom indischen Subkontinent, die von den Kämpfen in ihrem eigenen Leben oder in größeren historischen Zusammenhängen erzählen, sich mit Fragen des Kolonialismus und sozialer Diskriminierung auseinandersetzen und versuchen, Wege zu finden, dem Gefühl der Gegenüberstellung von »wir« und »sie« entgegenzuwirken, diese ständige Spannung oder Polarität zu überwinden. Das ist vielleicht auch ein Beispiel für eine dritte Form des Zuhörens, bei der es darum geht, von einer Politik der Gegensätze zu einer Politik der Wiedergutmachung überzugehen.