TAG ZWEI: Samstag, 27. Juni 2026
13:00 Anmeldung und Kaffee | Foyer
13:30–14:15 Team Keynote
Musik und artenübergreifende Gerechtigkeit: Zuhören, Zustimmung und Kontinuität mit Liza Lim, Kate Milligan, Nardi Simpson & Vic McEwan (abwesend)
Die Keynote untersucht Praktiken des Musizierens und Zuhörens im Hinblick auf artenübergreifende Gerechtigkeit mit besonderem Fokus auf Fragen zu Zustimmung und Kontinuität in mehr-als-menschlichen Beziehungen. Sie fragt – unter Bezugnahme auf Sound Studies, indigene und ökologische Philosophien sowie zeitgenössische künstlerische Praxis –, wie Handlungsfähigkeit, Verletzlichkeit und Teilhabe verhandelt werden (können), wenn Tiere, Pflanzen, Ökosysteme und Technologien als gleichberechtigte klangliche Partner*innen beteiligt sind. Anstatt Verfügbarkeit oder Zugriff vorauszusetzen, soll diskutiert werden, inwieweit Zustimmung als ethisches und methodologisches Problem nicht bei der momentanen Beteiligung endet, sondern sich weit über die Zeit und Beziehungsgeflechte erstreckt. Ausgehend vom Hören als situativer und kontinuierlicher Praxis, erforscht die Keynote inwieweit Musik für verschiedene Spezies als Rahmen für nachhaltige Verantwortlichkeit, Gegenseitigkeit und Gerechtigkeit funktionieren kann.
Die Präsentation stützt sich maßgeblich auf Ergebnisse der Arbeit »Resonant Earth: Music, Ecology & Climate Justice« (offiziell: »Multispecies Creativity and Climate Communication«), eines fünfjährigen Forschungsprojekts von Liza Lim, finanziert vom Australian Research Council. Zum 12-köpfigen Team gehören die Referent*innen: die Postdoktorandin, Autorin und Komponistin Nardi Simpson, der Postdoktorand und interdisziplinäre Künstler Vic McEwan sowie die Doktorandin und Komponistin Kate Milligan.
14:30–15:15 Zwei parallele Sessions
- Kristine Tjoegersen: Komponieren mit der Welt derer, die in der Dunkelheit singen und auf anderen Frequenzen kommunizieren | Studiofoyer
Wenn es Nacht wird, erwacht eine neue Welt zum Leben, über die die meisten von uns wenig wissen. Obwohl wir den gleichen physischen Raum mit ihren Bewohner*innen teilen, kreuzen sich unsere Wege selten – nicht zuletzt, weil die Evolution sie mit Sinnen ausgestattet hat, die wir Menschen nicht besitzen. Sinne, die ihnen erlauben, über die Nacht zu herrschen, so wie wir über den Tag.
Kristine Tjøgersen stellt ihre Kompositionen »Night Lives« (2023) und »Liminal Beings« (2026) vor, für die sie eine Exkursion in die unbekannte Welt der nachtaktiven Kreaturen unternommen hat, um mehr über die Kommunikationswege und -mittel von Fledermäusen, Motten, Eulen, Mikroorganismen und anderen Nachtgeschöpfen zu erfahren.
Die Werke sind als multidisziplinäre Zusammenarbeiten mit der Szenografin und Performerin Ellen Jerstad, der bildenden Künstlerin und Lichtdesignerin Evelina Dembacke und der Biologin und Autorin Hanna Bjørgaas entstanden und laden das Publikum ein, Wunder zu bezeugen, die jenseits unserer menschlichen Augen und Ohren liegen.
- Radio Otherwise: Einstimmung ins akustische Gemeingut: Radio, Wasserwege und kollektives Hören | Clubraum
Im Gegensatz zu Feldaufnahmen lassen sich Radio und Audiostreams nicht ohne weiteres festhalten, da sie sich in Echtzeit entfalten und an die Zeitlichkeit und die materiellen Bedingungen der Orte, von denen sie gesendet werden, gebunden sind. Das Hören solcher Übertragungen hat weniger den Charakter des Sammelns oder Besitzens als vielmehr den von nachhaltiger Aufmerksamkeit. Kollektives Hören ist im Gegensatz zur individualisierten Hörerfahrung der On-Demand-Medien eine der Prämissen des Mediums Radio – auch wenn die Kollektivität dabei dezentralisiert ist. Diese Kollektivität entsteht auch aus dem Verständnis heraus, dass die klangliche Umgebung von menschlichen und mehr-als-menschlichen Akteur*innen geteilt und kollektiv produziert, bevölkert und wahrgenommen wird: diese Ganzheit lässt sich als akustisches Gemeingut bezeichnen. Sofern Kreativität anstatt von individueller Urheberschaft vielmehr aus Beziehungen hervorgeht, dann sind Radioübertragungen – porös, zeitlich begrenzt, unwiederholbar – möglicherweise eine ihrer wahrsten Erscheinungsformen.
Radio Otherwise installiert mehrere Mikrofone, Hydrofone, Antennen und Empfänger auf der schwimmenden Plattform Insola in der Rummelsburger Bucht und überträgt deren Signale live in die Akademie der Künste. Der Konferenzbeitrag wird sowohl Gelegenheit geben, den Übertragungen zuzuhören, als auch über frühere Arbeiten von Radio Otherwise, die ebenfalls aus zeitlich begrenzten Radioübertragungen von spezifischen Infrastrukturen an Wasserwegen bestehen, zu reflektieren – vor allem in Hinblick auf mehr-als-menschliche Handlungsfähigkeit, menschlichen Zugriff und Einfluss auf die vorgefundenen Systeme, Lecks und Störungen.
Radio Otherwise (Monaí de Paula Antunes, Kate Donovan, Niko de Paula Lefort) ist ein fortlaufendes künstlerisches Forschungsprojekt, das die Pluralität der Erfahrungen im Radiomachen durch ökologisches Bewusstsein erforscht.
15:15–15:30 Kaffeepause | Sesselclub
15:30–16:30 Zwei parallele Sessions
- Masimba Hwati: Ein pflanzliches Ohr: Die Biolegislative der Erde und artenübergreifendes Hören in den Klangphilosophien von Chidzimbahwe | Studiofoyer
Die Präsentation stellt die Klangphilosophien von Chidzimbahwe als eine indigene, »Earth-ical/ethical terra ancestral« Ontologie vor, die sich mit artenübergreifendem Hören, Kreativität und ökologischer Rechtswissenschaft befasst. In der Philosophie wird argumentiert, dass Klang nicht ausschließlich als ästhetische Kategorie, sondern als relationale Kraft agiert, durch die Menschen, Nicht-Menschen, Ahnen und Umwelt gemeinsam ethische Welten erschaffen. Innerhalb dieser Ontologie erscheint die Erde als biolegislative und bioaffektive Präsenz, die zuhört, wahrnimmt, sich erinnert und reagiert. Durch integrierte Praktiken wie das Kultivieren eines »pflanzlichen Ohrs« (»kuisa nzeve pasi«), »kucherera rukuvhute« und die Verehrung von »Inkaba« sind Menschen von Geburt an in die lebenden Kreisläufe der Erde eingebunden und mit ihnen verflochten. Ausgehend von Sprichwörtern, rituellen Praktiken und klanglichen Strategien der Befreiungsbewegung wird in der Session Klang als Schwingung, Archiv und ethisches Medium untersucht. Dabei wird die These herausgearbeitet, dass Zuhören auf Gegenseitigkeit beruht, was den Grundstein für eine Ethik der bescheidenen und intimen Bewahrung (»kuteerera«) legt, in der Menschen als verantwortungsbewusste Teilnehmende innerhalb eines gemeinsamen Ökosystems der Schwingungen agieren.
Siehe: Masimba Hwati: Chidzimbahwe Philosophies of Sound: An Ethics of a Humble and Intimate Custodianship, 2026.
- Camilla Bork/Mathias Hinke: Wie oft ist die Welt bereits untergegangen? Klagelieder zwischen Naturabbildungen, zerstörten Welten und kollektivem Hören. | Clubraum
Listening Session mit theoretischen Impulsen
Das Ziel der gesamten Konferenz liegt darin, durch das Dezentralisieren anthropozentrischen Hörens und einer Neusituierung von Klang Antworten auf planetare Krisen zu finden. In europäischen Kunstdiskursen wird von diesen planetarischen ökologischen Krisen oft im Singular gesprochen, etwa vom bevorstehenden Ende der Welt und dem Verlust der unberührten Natur, die beschützt und bewahrt werden muss. Unsere Session beginnt genau hier. Sie stellt Fragen nach den vorherrschenden Vorstellungen von Natur in solchen Narrativen, den politischen Auswirkungen, die sie nach sich ziehen sowie die Perspektivwechsel, die damit einhergehen, anstatt von gefährdeter Natur von zerstörten Welten zu sprechen. Das Format ist eine angeleitete Listening Session mit kurzen theoretischen Einschüben. Die Teilnehmenden hören mehrere kurze Ausschnitte, immer gefolgt von einer leitenden Fragestellung. Welche Welt wird hier betrauert? Wer trauert? Welche Ordnung wurde zerstört? Welche Verluste werden erinnert, welche bleiben ungehört? Die Arbeiten illustrieren keine vorgefertigten Theorien. Die Methode liegt vielmehr im gemeinsamen Hören selbst. So wird ein Raum geöffnet, in dem ästhetische Form, politische Geschichte und ökologische Fragilität miteinander in Beziehung gesetzt werden können.
16:30 Kaffeepause | Sesselclub
16:45–17:30 Abschlussdiskussion: Was nehmen wir mit?
Moderation: Martina Seeber | Studiofoyer
In der Abschlussdiskussion wollen wir Ergebnisse der Konferenz zusammentragen und auswerten sowie Fragen identifizieren, die sich daraus ergeben und in einer zukünftigen Konferenz aufgegriffen werden können. Wir möchtenauf die Fragestellungen des Vortages aus dem World Café zurückkommen und das spezifische Handlungsfeld mit Klang bewerten. Können zeitgenössische künstlerische Praktiken und kollektive Lebensentwürfe zu transformierenden Kräften werden und welche Rahmenbedingungen müssen strukturell dafür geschaffen werden?
ab 18:00 spreeklänge. Musik-Parcours zum und am Wasser
Elf internationale Komponist*innen haben neue Werke für besondere Orte an Berlins größter Wasserader komponiert – als Resonanz auf den jeweiligen geografischen Ort und das urbane Umfeld sowie in Resonanz auf lokales und globales Wasser- und Multispecies-Wissen. spreeklänge lassen immersive Klangräume entstehen und greifen zugleich kritische Reflexionen auf wie Fragen nach der Bedeutung von Wasser in indigenen Gemeinschaften und den Rechten und der Würde von Flüssen und nicht-menschlichen Lebewesen und unser Verhältnis zu ihnen. Gespannt wird der akustische relationale Raum von philippinischen Tropfsteinhöhlen über nur taktil zu erfassende Wasserklänge zu der Begegnung mit vielfältigen Fledermaus-Arten an der Faulen Spree. Es werden Utopien mit Sängerinnen auf Ruderbooten inszeniert, Feldnamen von Post- und Westspree rezitiert oder ein andiner Klangwald von Schüler*innen bespielt.
Komponist*innen: Peter Ablinger, Cathy van Eck, Em'kal Eyongakpa, Stephan Froleyks, Carlos Gutiérrez & Tatiana López, Susie Ibarra, Liza Lim, Kate Milligan, Trond Reinholdtsen, Annette Schmucki, Kristine Tjøgersen
Mitwirkende: Evelina Dembacke, Die Maulwerker, ELISION Ensemble, Fernanda Farah, Frauenchor der Künste Berlin, Karin Hellqvist, Ellen Jerstad, Christian Kesten, Jake Landau, Tatiana López, Phusiris de los Andes, Selbstgebaute Musik, Bilawa Ade Respati, Schüler*innen (Heinz-Berggruen-Gymnasium/Schinkel Grundschule), Lars A. Skoglund, Studierende der Universität der Künste und FU Berlin, Jennifer Torrence
Künstlerische Leitung: Julia Gerlach, Daniel Ott
Akademie der Künste Berlin
Von der Caprivibrücke zur Rohrdammbrücke in Berlin-Charlottenburg
Einlass viertelstündlich in Zeitfenstern von 18 bis 19.45 Uhr
Einlass: Rosengarten an der Caprivibrücke (U7 Richard-Wagner-Platz)
Abschluss: Ruhwaldweg an der Rohrdammbrücke (Shuttle zur U7)
Info und Tickets: adk.de/spreeklaenge