Klangwerkstatt: »Freie Szene braucht freie Strukturen«

Freie Szene – Freier Fall?

1. September 2021 | Nina Ermlich, Stefan Streich

Porträtaufnahme Stefan Streich und Nina Ermlich
©(c) Stefan Streich by Oltmansfotografie | (c) Nina Ermlich

Die Klangwerkstatt ist ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt der Freien Szene Berlins. In seinem Statement für #FreieSzeneFreierFall fordert das Team eine Ausbau und Stärkung der strukturellen Förderung in den kommenden Jahren.

Die Klangwerkstatt Berlin, gegründet 1990 von Peter Ablinger an der Musikschule Kreuzberg, ist das größte und älteste freie Festival der zeitgenössischen Musik in Berlin. Das Programm wird geprägt von den innovativen Berliner Ensembles der aktuellen Musik. Wichtige Einflüsse kommen auch von radikal-experimentellen Formationen jenseits aller engen Genrebegriffe und nicht zuletzt durch Ensembles aus dem In- und Ausland, die ihre ganz eigenen ästhetischen Standpunkte mitbringen. Das Festival initiiert und begleitet die Entwicklung neuer künstlerischer Formen und bietet Raum für die Diskussion musikästhetischer Positionen. Die Klangwerkstatt Berlin ist zudem eine treibende Kraft in der Entwicklung einer avancierten Kinder- und Jugendarbeit im Bereich der zeitgenössischen Musik. Das Festival setzt Impulse bei der Herausbildung partizipativer Projekte und legt Wert auf eine generationenübergreifende Zusammenarbeit, in der sich professionellen Musiker*innen, Studierende, Jugendliche und Kinder auf Augenhöhe begegnen.

Die Klangwerkstatt finanziert sich seit dreißig Jahren, mit einer kurzen Unterbrechung, über jährliche Einzelprojektförderungen. 2017 fiel sie erstmalig wegen nicht ausreichender Fördergelder aus, 2018 bis 2019 war sie in der ersten Runde des mehrjährigen Berliner Festivalfonds, ab 2020 dann nicht mehr.

Freie Szene braucht freie Strukturen

Diese Aussage ist in zweifacher Hinsicht zu lesen. Der Begriff »frei« springt sofort ins Auge, er ist das zentrale Merkmal der Freien Szene. Frei meint ein selbstbestimmtes genauso wie ein selbstverantwortliches künstlerisches Handeln, ein künstlerisches Agieren jenseits hierarchischer institutioneller Strukturen, das stattdessen kollaborative Arbeitsformen in den Mittelpunkt stellt, eine künstlerische Praxis, die nicht vor allem Drittinteressen wie beispielsweise eine kommerzielle Verwertbarkeit, sondern in erster Linie sich selbst verpflichtet ist. Unter diesen Vorzeichen bietet die Freie Szene Freiraum fürs Experiment, ein Ort der künstlerischen Grundlagenforschung, Motor einer künstlerischen Entwicklung mit demokratischem, visionärem Potential.

Fast genauso wichtig ist der Begriff »Strukturen«. Kunst, wie alles Nachhaltige, Fortschrittliche und Relevante, braucht Raum, Zeit und Kontinuitäten für Entwicklungen. Das feste Ensemble, die Spielstätte, die Konzertreihe oder das jährlich wiederkehrende Festival mit einer sich entwickelnden Programmatik sind solche Strukturen. Sie geben Raum für die künstlerische Entwicklung. Und sorgen – das sei noch nebenbei bemerkt – sowohl für eine hohe Sichtbarkeit als auch eine synergetische Bündelung nicht-künstlerischer Ressourcen.

Und sie können – das lehrt uns das pandemiegeprägte Jahr 2020 – auch sozialen Schutz geben: Je stärker die Strukturen sind, umso weniger geraten Bereiche ins gesellschaftlich nicht mehr wahrgenommene Abseits.

Förderstrukturen

Die Förderstrukturen müssen dem Rechnung tragen. Berlin hat in den letzten Jahren große Bemühungen in der Kulturförderung unternommen. Gerade im Bereich der freien zeitgenössischen Musik liegt aber immer noch ein zu großer Schwerpunkt auf der Einzelprojektförderung. Ausbau und Stärkung der strukturellen Förderung ist für die nächsten Jahre unabdingbar. Mit der Basisförderung ist für die Ensembles ein erster Schritt getan. Eine Spielstättenförderung steht noch aus. Und auch für den Bereich der Festivals bedarf es weiterer grundlegender Anstrengungen. Noch sind die Festivals in aller Regel auf Einzelprojektförderungen angewiesen – mit all den Problemen, die diese für die Festivals mit sich bringen:

  • 1. die viel zu geringe Vorlaufzeit
  • 2. eine diskontinuierliche Fördersituation mit dem immer drohenden Scheitern bei der Akquise für einzelne Jahre
  • 3. der Zwang, sich jedes Jahr neu zu erfinden, um Einzigartigkeit und Singularität zu behaupten, auf denen Einzelprojektförderungen basieren;
  • 4. die Bindung enormer Arbeitskapazitäten für die fortlaufenden Antragsstellungen, die noch nicht einmal vergüten werden dürfen.

Der Freiraum Neues zu entwickeln, der Mut auch zunächst vermeintlich Abwegiges zu erproben, eine Entwicklung von künstlerisch nachhaltigen Ideen über einen längeren Zeitraum hinweg – all dies bleibt dabei zu häufig auf der Strecke.

– Nina Ermlich und Stefan Streich, Künstlerische Leitung und Kommunikation des Festival Klangwerkstatt

Noch nicht alles gesagt? Bestimmt nicht. Deshalb freuen wir uns auf weitere Positionen aus der Freien Szene und darüber hinaus. Unseren Call for Statements mit einigen Leitfragen findet ihr hier.

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  • Klangwerkstatt

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