Releases des Monats

Januar 2024

17. Januar 2024 | Kristoffer Cornils

Eine Schallplatte in Nahaufnahmen, man kann die Struktur ihrer Rillen erkennen.
©Kristoffer Cornils

Knapp vier Jahre ist es nun her, dass ein neuartiger Virus seine Runden in der Welt machte und sich immer schneller eine pandemische Situation ankündigte. Die erzeugte für die Kulturszene allerhand Hürden, unterstrich im selben Zug jedoch ihr Innovationspotenzial. Veranstaltungen wurden ins Internet ausgelagert oder neue Formate entwickelt, um den Einschränkungen gerecht zu werden und doch soziale Verbundenheit mit kulturellen Mitteln zu erzeugen und zu demonstrieren. Was ist eigentlich davon geblieben, nun da die Endemie ausgerufen und alle Beschränkungen im öffentlichen Raum wie im Privaten gefallen sind?

Wenig, ließe sich meinen. Doch eine neue Serie Labels 901 Editions zeigt, dass Konzepte wie beispielsweise das Online-Festival Amplify für experimentelle und elektronische Musik prägend waren. Anlässlich des 15. Geburtstag des italienischen Imprints organisiert Betreiber Fabio Perletta ein »virtuelles Residenzprogramm«, in dessen Rahmen Musiker*innen aus aller Welt ihre kreativen Arbeitsprozesse offenlegen. So bietet die Reihe einen Blick in die Werkstätte und Wirkungsmechanismen verschiedener Künstler*innen, wie er in den Jahren 2020 und 2021 zur Norm wurde – ohne Lockdown-Nostalgie freilich, sondern mit gehobenem Interesse für das, was hinter den Kulissen passiert und dem Publikum verborgen bleibt.

Den Anfang macht Elena Kakaliagou mit »9⁰ (7)«. Es hat den Anschein, als würde die in Berlin lebende Hornistin für anderthalb Minuten durch ihr Instrument sprechen. Ihre Worte sind nicht zu verstehen, es bleibt beim Versuch der Kommunikation durch ästhetische Mittel. Oder soll die Ästhetik selbstwirksame Kommunikation sein? Dieses kurze Stück wirft viele Fragen nach den Grenzen von Kunst und der Vermittlung von Bedeutung auf, der Verbindung der Solistin (gar Solipsistin?) zu ihrer Umwelt und Mitmenschen mittels einem Medium. Auch das weckt Erinnerungen an eine Zeit vor vier Jahren und erinnert daran, dass es lohnend bleibt, diese Fragen zu reflektieren und zu diskutieren.

Noch mehr Denkanstöße und Gesprächsstoff bieten die von field notes-Redakteur Kristoffer Cornils ausgewählten Releases des Monats. Neue Veröffentlichungen von Ben Glas, Eiko Yamada, dem vor einer Weile gestorbenen Phill Niblock sowie eine neue Ausgabe des Magazins Blank Forms mit Beiträgen und Gesprächen mit unter anderem Amelia Cuni und Akio Suzuki bieten reichlich Stoff fürs neue Jahr. 

Ben Glas – Fugal States (Room40, digital)

Für seine letztes Projekte ließ der in Berlin lebende Komponist Ben Glas Sexspielzeuge auf Klaviersaiten vibrieren, mit »Fugal States« auf Lawrence Englishs Label Room40 widmet er sich zumindest auf konzeptioneller Ebene abstrakteren Dingen: Wie der Name schon sagt, dient Glas die Fuge als Strukturgeberin für Stücke, die sich konstant im Flux befinden. Auch dank der wunderbar kühlen und doch nicht schroffen Klanglichkeit ihrer Umsetzung wegen ergibt das den perfekten Soundtrack für den nächsten Schneesturm.

Blank Forms 09: Sound Signatures (Blank Forms, Magazin)

Das Cover des Magazins Blank Forms
© Blank Forms

Das Herzstück der neunten Ausgabe des Magazins Blank Forms ist ein geradezu bizarr ausführliches Interview, das der Journalist Mike Rubin mit dem Detroiter House-Produzenten, DJ und Labelbetreiber Theo Parrish geführt hat – 180 der insgesamt 324 Seiten nimmt es ein. Daneben ist aber genauso Platz für ein Gespräch und Beiträge mit und von Dhrupad-Künstlerin Amelia Cuni sowie Reflektionen von Akio Suzuki und Aki Onda über Takehisa Kosugi, von dem wiederum selbst ein Text enthalten ist. Eine wilde Mischung? Natürlich, das sind ja bekanntlich auch die besten. 

Cedrik Fermont – K7 & Eine Geschichte ohne Drehbuch (Syrphe, digital)

Syrphe-Betreiber Cedrik Fermont begrüßte das neue Jahr mit gleich zwei neuen Veröffentlichungen. Frankophonen Menschen wird der Titel von »K7« ([ka.sɛt]) als ein sprechender begegnen: Die Grundlage für diese vier Stücke bildeten der Sound von leeren Tapes und die Klänge von Kassettenrekordern. Fermonts medialer Materialismus entlockt diesen eigentlich reduzierten Quellen ebenso abstrakte wie konkrete Geräusche – vertraute Echos vergangener Zeiten, zeitgenössisch verfremdet. Mit »Eine Geschichte ohne Drehbuch« bewegt er sich innerhalb von knapp zehn Minuten durch quasi-klassisch elektroakustische Gefilde – auch dieses Stück voller intuitiver Dynamiken trägt seinen Titel jedoch nicht ohne Grund.

David Wallraf – The Commune of Nightmares (Karlrecords, MC/digital)

David Wallraf ist nicht nur ein Noise-Künstler, sondern ein ausgewiesener Experte für alles, was als Krach abgetan wird und warum dies geschieht: Sein Buch »Grenzen des Hörens. Noise und die Akustik des Politischen« sei an dieser Stelle erneut empfohlen. Wallrafs neues Album »The Commune of Nightmares« für das Berliner Label Karlrecords ist in klanglicher Hinsicht vergleichsweise – alles ist relativ! – unkrachig, bedient sich aber Methoden der frühen Noise-Szene oder dessen, was von Mark Fisher in Anlehnung an einen Begriff Jacques Derridas als »Hauntology« bezeichnet wurde: Loops von verschiedenen Kassetten finden nach dem surrealistischen Prinzip des Cadavre exquis zueinander, um als Wiederkunft der Vergangenheit die Gegenwart heimzusuchen. Wunderbar gruselig. 

Eiko Yamada – This Summer… (Ftarri, CD/digital)

Eiko Yamada lebt seit dem Jahr 1984 in Deutschland und ist im Berliner Kontext vor allem Mitglied von ex tempore bekannt, mit deren Neuauflage sie im letzten September gebührend die Neueröffnung des exploratorium am neuen Standort beging. Kurz zuvor war sie in Japan und gab gemeinsam mit Pianistin Fumi Endo im Ftarri ein Konzert in zwei Teilen, das nun über das dem Tokioter Veranstaltungsort zugehörige Label veröffentlicht wurde. »This Summer…« dokumentiert ein Solo-Set Yamadas auf Sopran- und Bassflöte, in dem sie ungeahnte Töne aus diesen Instrumenten holt: Es dröhnt und brodelt, leise und doch intensiv. Im Duo mit Endo zeigen sich beide fokussiert auf den Ein- und sogar Gleichklang ihrer Instrumente, entwickeln sachte und doch spannungsgeladene Dynamiken aus dem rücksichtsvollen Miteinander heraus. 

Haino Keiji / Jim O'Rourke / Oren Ambarchi – With pats on the head, just one too few is evil one too many is good that's all it is (Black Truffle, 3LP/digital)

Ein Album mit einem Titel wie »With pats on the head, just one too few is evil one too many is good that's all it is« kann quasi nur unter Mitarbeit der japanischen Improv-Legende Haino Keiji entstanden sein, diese massive Triple-LP auf Black Truffle macht da natürlich keine Ausnahme. Labelbetreiber Oren Ambarchi sowie natürlich Jim O’Rourke sind zu unterschiedlichen Anteilen ebenfalls an dieser Live-Aufnahme aus dem Jahr 2018 involviert gewesen – es handelt sich hier um das zwölfte gemeinsames Album des Trios. Haino spielt unter anderem auf einem Instrument mit dem schönen Namen »Saiten zweifelhaften Rufs«, O’Rourke beweist seine Vielseitigkeit als Gitarrist und Ambarchi erinnert ebenso höflich wie bestimmt daran, dass er hinter dem Schlagzeug zwischen sachtem Swing und Drum-Gedonner stets versiert bleibt. Ein Album, länger und wundersamer noch als sein Titel.

Ian Mikyska & Fredrik Rasten – Music for Sixth-tone Harmonium (Warm Winters Ltd., 2CD/digital)

Mit dem Album »Lineaments« lieferte Fredrik Rasten eines der Highlights des Jahres 2023 ab, für »Music for Sixth​-​tone Harmonium« tut sich der in Berlin lebende Komponist und Musiker mit Ian Mikyska aus Prag zusammen, um gemeinsam mit ihm und doch separat die Möglichkeiten eines kuriosen Instruments auszuloten: Jedes der beiden Stücke arbeitet mit dem titelgebenden Harmonium, dessen Bau der tschechische Pionier mikrotonaler Musik Alois Hába in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Auftrag gegeben hatte. Die im Jahr 2021 von Miroslav Beinhauer erstaufgeführten Stücke der beiden Komponisten reaktivierten im Verbund mit anderen Auftragswerken für dasselbe Instrument dessen Potenziale und gehen dabei sehr unterschiedliche Wege: Mikyska setzt seine Qualitäten in »In« mit vielerlei anderen Klangelementen in einen Dialog, Rasten bringt es gemeinsam mit gestrichenen E-Gitarren zum Schwingen.

Mattin – Seize the Means of Complexity (Xing, LP)

»We are in the asshole of history«, verkündet der in Berlin lebende baskische Noise-, Improv- und Konzeptkünstler Mattin im Begleitschreiben zu seiner neuen LP mit dem schönen Titel »Seize the Means of Complexity«, den er im Folgenden auch gleich erklärt: »To seize the means of complexity, we must comprehend the tools of algorithmic subsumption, and leverage that knowledge to steer their development towards an open-source conception of subjectivity.« Mit einer dialektischen Volte verwendet er deshalb Aufnahmen aus dem TikTok- und Instagram-Dauerfeuer, um daraus zwei plunderphonische Noise-Tracks zu erschaffen, die genauso wild und verstörend sind wie ihr Ausgangsmaterial – das allerdings offen kommunizieren. Der kapitalistische Realismus müsse überwunden werden, fordert Mattin in Anspielung auf Mark Fisher. Der wiederum prägte mit der Parole »Emanzipatorische Politik muss immer den Anschein einer ›natürlichen Ordnung‹ zerstören und das als notwendig und unausweichlich Dargestellte als reine Kontingenz aufdecken« wohl den impliziten ästhetischen Leitgedanken dieses wunderbar-wirren Albums ab. 

Xing · XX09: Mattin - Seize the Means of Complexity - excerpt A

Phill Niblock – Boston III / Tenor / Index (Alga Marghen, LP/digital)

Am 8. Januar starb Phill Niblock, nur einige Wochen nach seinem 90. Geburtstag. Wie unermesslich sein Einfluss auf die Welt der Musik, des Films und der Fotografie gewesen sein wird, wurde in den darauffolgenden Tagen ansatzweise deutlich: Kaum jemand, der ihm und seinem Werk keinen Tribut zollte. Auf dem italienischen Label Alga Marghen erschienen mit »Boston III / Tenor / Index« zum Jahresende noch drei Aufnahmen von Kompositionen aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, auf denen Niblock selbst an der Gitarre auch Gregory Reeve, Martin Bouch und Rhys Chatham beteiligt waren. Ein schöner, wenngleich ungenügender Abschied von einem Künstler, dessen Werk stets in die Ewigkeit zu drängen schien. 


PYUR – Lucid Anarchy (Subtext, digital)

Einen passenderen Titel hätte sich Sophie Schnell für ihr zweites Album unter dem Pseudonym PYUR wohl kaum ausdenken können: »Lucid Anarchy« klingt und (sieht dank seines anscheinend New-Age-Tropen durch den Digital-Fleischwolf drehenden Cover-Artworks auch so aus) voll und ganz so, wie diese zwei Worte es versprechen. Die in Berlin lebende Komponistin definiert die vermeintliche Zeitkunst Musik zur Intensitätskunst um und erschafft Klangcluster, deren hyperreale Elemente traumlogischen Eigendynamiken folgen. Es ist in der Tat bemerkenswert, wie licht und freundlich diese radikale Anarchie am Ende dann klingt. Ein Erlebnis, durch und durch. 

Roman Rofalski – Fractal (Oscillations, digital)

Mit Klavieren etwas ruppiger umzugehen, hat hierzulande natürlich Tradition – Roman Rofalski verfolgt damit jedoch andere Absichten als etwa ein Nam June Paik. Für »Fractal« nahm der in Berlin lebende Künstler Aufnahmen seiner Arbeiten am präparierten Klavier zum Ausgangspunkt einer rekombinatorischen Arbeit, die sowohl die inhärenten Klangqualitäten seines Schimmel K280 wie auch die rhythmischen Möglichkeiten seines Ansatzes – im Opener verstärkt durch Schlagzeuger Felix Schlarmann – in den Vordergrund rücken. Abstraktion und Konkretion trafen selten so reibungsvoll aufeinander wie auf diesem Album, das bisweilen an böse-knarzigen Hip-Hop gemahnt und genauso jedoch von Momenten spannungsvoller Stille geprägt wird. 

Spectra Ex Machina: A Sound Anthology of Occult Phenomena 1920-2017 Vol. 2 (Sub Rosa, LP/digital)

Dass Guy Marc Hinant und Fred Walheer ein Faible fürs Obskure haben, ist hinlänglich bekannt, mit der Veröffentlichung der Compilation »Spectra Ex Machina: A Sound Anthology of Occult Phenomena 1920-2017 Vol. 1« im Jahr 2019 offenbarten die Betreiber von Sub Rosa dann noch ihre Liebe zum Mystischen. »Spectra Ex Machina: A Sound Anthology of Occult Phenomena 1920​-​2017 Vol​.​ 2« bietet gleich zwei Séancen mit Elvis Presley und obendrein mit Aufnahmen von Joe Meek und Howard Menger auch einen Einblick in die Köpfe derjeniger, die Mitte des 20. Jahrhunderts im Kontext der Popmusik das Aufnahmestudio als Kommunikationsmittel mit dem Kosmos für sich entdeckten. Übersinnliches und Außerirdisches, Grusel und Vergnügen: Von all dem bietet diese durchaus auch (medien-)anthropologisch zu verstehende Anthologie en masse.

VARIÁT & Merzbow – Unintended Intention (I Shall Sing Until My Land Is Free, LP+7inch, digital)

Masami Akita war mit seinem Projekt Merzbow schon mehrfach auf dem von Berlin aus betriebenen Label I Shall Sing Until My Land Is Free zu Gast, für »Unintended Intention« tut er sich mit Labelbetreiber Dmytro Fedorenko alias VARIÁT zusammen. Im Duktus sind diese fünf Stücke – in der Vinyl-Version kommt die LP mit einer Bonus-7inch daher – vergleichsweise gedämpft, eher an kargem Industrial statt an peitschendem Harsh Noise orientiert. Ein ungutes Grundgefühl, ein dräuendes Grummeln durchzieht sie. Weniger ist hier viel, viel mehr als anderswo. 

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